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ADHS bei Erwachsenen
Sichtweisen und Empfehlungen

 

 

 

 

BR ADHS.RZ 15.11.2004 18:05 Uhr Seite 1
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]
Liebe Leserinnen und Leser,
möglicherweise wurde bei Ihnen oder einer
Ihnen nahestehenden Person die Diagnose ADHS
(Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)
festgestellt.
Mit den nachfolgenden Sichtweisen und Empfeh-
lungen namhafter Experten zum Thema "ADHS bei
Erwachsenen" möchten wir Sie gerne auf Ihrem
Weg begleiten, die Diagnose besser zu verstehen
und damit umzugehen.
Die Firma Lilly, eines der führenden forschenden
Pharmaunternehmen, hat das Ziel, Sie dabei zu
unterstützen, die ADHS-Symptomatik in allen
Lebensbereichen in den Griff zu bekommen.
Dieser Ratgeber wurde in Zusammenarbeit mit
renommierten, auf ADHS spezialisierten Ärzten und
Institutionen erarbeitet und soll Ihnen, auch im
Gespräch mit Ihrem behandelnden Arzt oder
Therapeuten, behilflich sein.
Weitere Informationen erhalten Sie auch im Internet
unter www.info-adhs.de
Ihr Lilly-ADHS-Team
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]
Autoren
Professor Dr. med. Michael Rösler
Universitätskliniken des Saarlandes -
Neurozentrum
Institut für Gerichtliche Psychologie
und Psychotherapie
66421 Homburg/Saar
Dr. med. Dipl.-Psych. Barbara Alm
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI)
Mannheim
J5
68072 Mannheim
Dr. med. Sabine Krämer
Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie
Lessingstraße 8
60325 Frankfurt/Main
Was ist ADHS?
7
Wie äußert sich ADHS?
13
Was sind die Ursachen der ADHS?
17
Wie wird ADHS bei Erwachsenen diagnostiziert?
19
Wie kann sich ADHS auf das Leben auswirken?
27
Wie wird ADHS behandelt?
31
Psychotherapeutische Strategien
39
ADHS bei Erwachsenen aus
Sicht der Krankenkassen
44
Wie kann ich mir im Alltag selbst helfen?
47
Wo kann ich mehr zu ADHS erfahren?
50
Gibt es kritische Fragen zu ADHS?
52
Literatur
54
 
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Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
(ADHS) ist gekennzeichnet durch eine verminderte
Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.
Dies sind die so genannten Kernsymptome von
ADHS. Es wird heute angenommen, dass dem eine
gestörte Informationsverarbeitung in bestimmten
Hirnregionen zugrunde liegt, die für die Verhaltens-
und Gefühlssteuerung zuständig ist.
Noch vor wenigen Jahren galt ADHS nur als eine
Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Erst in
jüngster Zeit wurde bekannt, dass die Symptome
auch bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben
können. Derzeit wird die ADHS im Erwachsenen-
alter in der Wissenschaft intensiv untersucht.
Heute ist bekannt, dass bei ungefähr 50 % der be-
troffenen Kinder die Störung nicht mit dem 18. Le-
bensjahr aufhört, sondern dass sich die klinischen
Symptome - altersentsprechend verändert - bis ins
Erwachsenenalter fortsetzen.
Was ist ADHS?
Dr. med. Dipl.-Psych. Barbara Alm
Verminderte
Aufmerksamkeit,
Hyperaktivität und
Impulsivität
Verminderte
Aufmerksamkeit,
Hyperaktivität und
Impulsivität
Symptome können bis
ins Erwachsenenalter
bestehen bleiben
Symptome können bis
ins Erwachsenenalter
bestehen bleiben
 
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Eine amerikanische Studie, die die Häufigkeit der
Erwachsenen-ADHS in der Allgemeinbevölkerung
untersucht hat, konnte zeigen, dass bei etwa 4 %
der Erwachsenen eine ADHS vorkommt. Im Rahmen
dieser Studie wurde auch gezeigt, dass nur ein klei-
ner Teil der Betroffenen adäquate Hilfe sucht und
auch erhält. ADHS im Erwachsenenalter ist sicher-
lich unterdiagnostiziert und nicht ausreichend the-
rapiert. Gerade im Erwachsenenalter ist die
Diagnose zeitaufwendig und erfordert eine sorgfälti-
ge klinische Untersuchung, denn es gibt keine spe-
zifischen Labor-Tests für ADHS.
Erwachsene mit ADHS haben meist - wenn sie sich
bei einem Facharzt oder Diplom-Psychologen vor-
stellen - eine längere Leidensgeschichte hinter
sich. Sie haben aufgrund ihrer Symptome vielleicht
ein Leben lang Probleme gehabt, aber keinen Na-
men dafür gefunden. Als Kind haben die Betroffe-
nen vielleicht häufiger gehört: "Du bist dumm und
du bist faul." Dabei haben sie immer "gewollt, nur
nicht gekonnt". Und im späteren Erwachsenenleben
sind sie erheblich in verschiedenen Lebensberei-
chen beeinträchtigt, haben Misserfolge in Schule,
Ausbildung und Partnerschaft erlebt, leiden unter
Stimmungsschwankungen und einem geringen
Selbstwertgefühl. Viele betroffene Erwachsene
schildern dieses permanente Gefühl, trotz Bemühen
keinen Erfolg zu haben und immer hinter ihren
eigenen Möglichkeiten zu bleiben.
Die Symptome von ADHS können von Person zu
Person variieren. ADHS ist nicht etwas, was man
entweder hat oder nicht hat, sondern es gibt einen
allmählichen Übergang von leichten zu starken
Symptomen. Auch sind die Symptome nicht nur
phasenweise vorhanden, sondern über die Zeit sta-
bil, also schon ein Leben lang, seit der Kindheit,
vorhanden.
Meist zeigen sich die Probleme bei der Bewältigung
von Aufgaben, die eine länger dauernde Aufmerk-
samkeitsspanne erfordern, und bei der Steuerung
und Kontrolle von Gefühlen. Ferner kommt häufig
ein Gefühl der ständigen inneren Anspannung und
des Nicht-zur-Ruhe-kommen-Könnens hinzu. Wenn
Symptome der Aufmerksamkeitsstörung allein vor-
kommen, wird eine ADHS vom unaufmerksamen
Typ diagnostiziert, wenn Hyperaktivität und Impulsi-
vität dazukommen, spricht man vom kombinierten
Typ. Mit zunehmendem Alter verändern sich die
Kernsymptome in ihrer Ausprägung, die Aufmerk-
samkeitsstörung bleibt in der Regel bestehen, wäh-
rend die Hyperaktivität und Impulsivität oft geringer
werden. Bei einem Teil der Erwachsenen lag ADHS
in der Kindheit in deutlicher Ausprägung vor, im
Erwachsenenalter zeigen sich dann aber nur noch
einige Symptome, und die Alltagsbewältigung ist
weniger eingeschränkt.
Der Verlauf von Erwachsenen-ADHS kann unter-
Misserfolge in
Schule, Ausbildung und
Partnerschaft
Misserfolge in
Schule, Ausbildung und
Partnerschaft
Symptome sind ein
Leben lang, also
seit der Kindheit,
vorhanden
Symptome sind ein
Leben lang, also
seit der Kindheit,
vorhanden
 
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schiedlich sein: 30 % der Erwachsenen zeigen ein
gutes Funktionsniveau, 50 bis 60 % der Erwachse-
nen haben Schwierigkeiten in den Bereichen Auf-
merksamkeit, motorische Hyperaktivität, Impulsi-
vität und in sozialen Interaktionen, die dann in Aus-
bildung, Beruf und Beziehungen zu Problemen füh-
ren können. Ein kleiner Teil der Erwachsenen (10 bis
15 %) mit stark ausgeprägter Hyperaktivität hat
weitere psychische Probleme und kann auch dis-
soziales Verhalten zeigen.
Insgesamt haben Erwachsene mit einer nicht be-
handelten ADHS im Vergleich zu gesunden Kontroll-
personen deutlich mehr Probleme in Ausbildung,
Beruf, Partnerschaft und sozialen Beziehungen.
Dies konnte eine große amerikanische Studie zei-
gen. Andere Studien zeigen weiter, dass ein erhöh-
tes Risiko besteht, an einer weiteren psychiatri-
schen Erkrankung wie Depression, Angst oder einer
Persönlichkeitsstörung zu erkranken oder eine Dro-
gen- und/oder Alkoholabhängigkeit zu entwickeln.
Aber ADHS hat nicht nur negative Seiten. Personen
mit ADHS sind oft sehr begeisterungsfähig, haben
viel Energie, sind offen für Neues und sind häufig
sehr kreativ. Und sie sind oft beliebt, verhalten sich
sensibel und hilfsbereit, haben große Begabung
zum "Multitasking" und zur Improvisation.
Im Kindesalter sind Jungen dreimal häufiger be-
troffen als Mädchen, für Erwachsene gibt es bezüg-
lich der Geschlechterverteilung noch keine genaue-
ren Aussagen. Über den Verlauf von ADHS im höhe-
ren Lebensalter, ist in der Wissenschaft noch wenig
bekannt.
Viele andere Fragen sind ebenfalls noch offen. Ist
ADHS heute häufiger als früher oder wird in den
Medien mehr und besser informiert, so dass auch
Erwachsene Hilfe suchen?
Wir haben heute bessere diagnostische Möglich-
keiten, und auch in der Therapie zeigen sich Fort-
schritte. Daraus ergeben sich Chancen, die Symp-
tome zu verringern. Dies wiederum hat häufig die
Konsequenz, dass Erwachsene mit ADHS besser
umgehen können und ihre Lebensqualität und
Lebenszufriedenheit steigt.
Der Verlauf von
Erwachsenen-
ADHS kann
unterschiedlich sein
Aber ADHS
hat nicht nur
negative Seiten
Der Verlauf von
Erwachsenen-
ADHS kann
unterschiedlich sein
Aber ADHS
hat nicht nur
negative Seiten
 
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Die Symptome von ADHS, die sich im Erwachsenen-
alter zeigen, bestehen immer seit der Kindheit und
betreffen die so genannten Kernsymptome Aufmerk-
samkeit, Hyperaktivität und Impulskontrolle. Rasche
Stimmungsschwankungen und Organisationsproble-
me können dazukommen. Die Symptome im Er-
wachsenenalter verändern sich in ihrer Art und
Ausprägung im Vergleich zu denen bei Kindern und
Jugendlichen. So kann z. B. der ausgeprägte moto-
rische Bewegungsdrang im Kindesalter sich im
Erwachsenenalter zu einer ständig vorhandenen
inneren Unruhe entwickeln.
Folgende Kernsymptome werden im Erwachsenen-
alter beschrieben:
Aufmerksamkeitsstörung
Das Hauptproblem liegt in der Schwierigkeit, länge-
re Zeit bei einer Sache, Tätigkeit oder Aufgabe zu
bleiben, wichtige Punkte auszuwählen und Ablenkun-
gen zu minimieren. Nach ein paar Minuten schon
kann Langeweile aufkommen. Wenn die Tätigkeit
wenig anregend ist, können die Personen abwe-
send, verträumt, wenig ausdauernd und unorgani-
siert wirken. Sie neigen dazu, sich zu verzetteln,
mehrere Tätigkeiten anzufangen und keine zu Ende
zu bringen. Der Arbeitsstil ist ineffizient, langsam
und desorganisiert. Arbeit kann häufig in der zur
Verfügung stehenden Zeit nicht erledigt werden.
Ferner kommt das Vergessen von Terminen, Verein-
barungen und Alltagsutensilien hinzu. Es bestehen
Probleme, ein Buch zu lesen und im Studium, in
Konferenzen und in Besprechungen zuzuhören. Die
Wie äußert sich ADHS?
Dr. med. Dipl.-Psych. Barbara Alm
 
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Organisation des Alltags und planvolles Vorgehen
gelingen nicht, und der Überblick geht verloren.
Jedoch kann bei entsprechendem Interesse oder
Anregungen die Aufmerksamkeit völlig ungestört
sein. Dieses Verhalten wird gerade in sozialen
Situationen vom Partner, der Familie, Freunden
oder Kollegen nicht verstanden.
Hyperaktivität
Personen mit Hyperaktivität scheinen immer in Be-
wegung zu sein. Sie wirken unruhig, zappelig, ruhe-
los. Sie berichten von innerer Anspannung und dem
Gefühl, getrieben zu sein. Trommeln auf die Tisch-
platte oder Wippen mit dem Fuß kann vorkommen.
Still zu sitzen fällt ihnen schwer, und sie können
ununterbrochen reden. Das Bedürfnis nach perma-
nenter Bewegung kann sich in vermehrten sport-
lichen Aktivitäten äußern, bis hin zur Ausübung von
Extremsportarten.
Impulsivität
Impulsive Personen denken oft nicht, bevor sie han-
deln. Sie antworten, bevor Fragen zu Ende gestellt
sind, oder machen unangemessene Kommentare,
die ihnen hinterher Leid tun. Auch neigen Erwachse-
ne ADHS-Personen zu unüberlegten Handlungen,
ohne die längerfristigen Konsequenzen zu beach-
ten. Warten fällt ihnen oft schwer, sie sind in vielen
Situationen ungeduldig.
Affektlabilität und Affektkontrolle
Einige Erwachsene berichten über rasche und als
sehr belastend wahrgenommene Stimmungsschwan-
kungen. Bei kleinen Anlässen zeigen sich Wutaus-
brüche und verminderte Frustrationstoleranz.
ADHS zeigt nicht nur die genannten Symptome.
Häufig kommt es zusätzlich zu Einschränkungen in
vielen Lebensbereichen. Eine große amerikanische
Untersuchung an mehr als 100 Personen mit ADHS
hat detailliert untersucht, welche Funktionseinbußen
vorkommen können. So wiederholen Personen mit
ADHS häufiger als Gesunde Schulklassen und er-
reichen schlechtere Schulabschlüsse. Sie fallen
häufiger durch Prüfungen. Sie beginnen Ausbildun-
gen und brechen sie ab; dies kann sich mehrfach
wiederholen. Der Arbeitsplatz wird häufiger ge-
wechselt, mehr Kündigungen werden beschrieben.
Die beruflichen Perspektiven sind häufig schlechter,
es kann zu Arbeitslosigkeit kommen. Dies alles
zeigt sich trotz ausreichender Begabung. Partner-
schaften und Ehen gehen auseinander, soziale Be-
ziehungen werden weniger lange aufrechterhalten.
Noch nicht ausreichend untersucht ist, wie ADHS-
Personen mit Familienaufgaben, wie Kindererzieh-
ung, umgehen. Auch die Fahreigenschaften und das
Verhalten im Straßenverkehr sind bei einem Teil der
ADHS-Erwachsenen beeinträchtigt. So können sie
häufiger Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens
erhalten und mehr Unfälle machen. Auch antisozia-
les Verhalten wird für eine kleine Gruppe Betroffe-
ner beschrieben. Insgesamt zeigt sich aufgrund der
häufig vorkommenden Komplikationen und Miss-
erfolge ein deutlich verringertes Selbstwertgefühl.
Personen mit ADHS haben auch häufiger Psycho-
therapien begonnen und abgebrochen, da diese als
wenig hilfreich erlebt wurden.
ADHS-Personen können infolge der häufigen Kon-
flikte und Misserfolge weitere psychische Erkran-
kungen entwickeln. Es wird eine erhöhte Anfällig-
keit für diese zusätzlichen Störungen diskutiert. Die
BR ADHS.RZ 15.11.2004 18:05 Uhr Seite 14
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psychischen Störungen können aber auch voneinan-
der unabhängig auftreten. Hier zeigten Studien,
dass bei 40 bis 60 % der Betroffenen weitere, so
genannte komorbide psychische Erkrankungen be-
stehen. Wichtig ist auch, dass ADHS von diesen
anderen Störungen abgegrenzt wird. Depressionen
(40 %) und Angststörungen (50 %) werden häufig
gefunden, Schlafstörungen mit verminderter subjek-
tiver Schlafqualität und vermehrten Einschlafpro-
blemen (70 %), ferner so genannte Persönlichkeits-
störungen, die ein überdauerndes Muster an Be-
einträchtigung verschiedenster Art zeigen. Im
Moment wird viel über den Zusammenhang mit den
bipolaren Störungen und der Borderline-Persön-
lichkeitsstörung diskutiert. Bei der Borderline-
Störung zeigen sich ebenfalls Stimmungsschwan-
kungen, und Impulse können schlecht kontrolliert
werden. Weiterhin besteht ein erhöhtes Vorkommen
von Abhängigkeitserkrankungen (30 %). Diese kön-
nen Alkohol- oder auch Drogensucht, hier insbeson-
dere durch Cannabis, sein.
Genetik
Bei ADHS handelt es sich um eine neurobiologische
Funktionsstörung, die durch genetische und umwelt-
bedingte Faktoren verursacht wird (Faraone 2004).
Im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen
ist die genetische Komponente besonders ausge-
prägt. Dies trifft insbesondere auf diejenigen ADHS-
Formen zu, die im Erwachsenenalter fortbestehen.
Hier tritt ADHS meist bei mehreren Familienmitglie-
dern auf. Isolierte Fälle innerhalb einer Familie sind
eher selten.
Wurde bei einem Familienmitglied ADHS diagnosti-
ziert, ist das Risiko für Angehörige ersten Grades,
ebenfalls an ADHS erkrankt zu sein, um das Fünf-
fache erhöht. Derartige Befunde sind von prakti-
scher Bedeutung, weil sie Anlass geben sollten, in
Familien von Betroffenen nach weiteren Fällen zu
suchen. In der weit überwiegenden Mehrzahl scheint
eine größere Zahl von Genen an der Krankheitsver-
ursachung beteiligt zu sein. Nicht immer sind diese
Gene spezifisch für die ADHS, einige sind auch bei
ADHS-Personen
können infolge der
häufigen Konflikte
und Misserfolge
weitere psychische
Erkrankungen
entwickeln
ADHS-Personen
können infolge der
häufigen Konflikte
und Misserfolge
weitere psychische
Erkrankungen
entwickeln
Was sind die Ursachen
der ADHS?
Prof. Dr. med. Michael Rösler
Im Vergleich zu
anderen psychischen
Erkrankungen ist die
genetische Komponente
besonders ausgeprägt
Im Vergleich zu
anderen psychischen
Erkrankungen ist die
genetische Komponente
besonders ausgeprägt
 
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anderen psychischen Krankheiten nachgewiesen
worden.
Als gesichert gilt heute, dass es genetisch bedingte
ADHS-Subtypen gibt, z. B. die Kombination ADHS
und Störungen des Sozialverhaltens oder ADHS mit
depressiven Störungen.
Neurotransmitter des Gehirnes
Eine Reihe von genetischen Untersuchungen hat
gezeigt, dass bei ADHS Gene beteiligt sein könnten,
die neuronale Systeme beeinflussen. In diesen Sys-
temen stehen die Neurotransmitter Dopamin und
Noradrenalin im Vordergrund. Aus Kenntnissen
über die Wirkweise von Medikamenten, die sich bei
ADHS als effizient erwiesen haben, leitet man die
Hypothese ab, dass neben dem dopaminergen auch
das noradrenerge Transmittersystem in das Krank-
heitsgeschehen involviert ist. Die ADHS repräsen-
tiert nach diesen Konzepten eine komplexe Störung
der Balance und Funktion mehrerer Neurotrans-
mittersysteme.
Hirnstruktur und Hirnfunktion
Die Hinweise auf eine Entwicklungsstörung speziel-
ler Hirnareale werden immer deutlicher. Überein-
stimmend sind bei Kindern und Erwachsenen Volu-
menminderungen in präfrontalen Gehirnabschnitten,
den Basalganglien und im Kleinhirn beschrieben
worden. Kombiniert man die Methode der Kernspin-
tomographie des Gehirnes (in ihr wird das Gehirn
als Bild dargestellt) mit neuropsychologischen
Testverfahren, so erhält man Aufschluss über Funk-
tionsmuster des Gehirnes. Mit diesem Verfahren
konnte gezeigt werden, dass ADHS-Betroffene in
bestimmten Hirnregionen, die zum einen an der
Regulation von Aufmerksamkeitsprozessen und
zum anderen der Steuerung und Hemmung von
Verhaltensbereitschaften beteiligt sind, eine gerin-
gere Fähigkeit zur Aktivierung besitzen. Zusätzlich
hat man festgestellt, dass z. T. andere Regionen
aktiviert werden als bei Personen ohne ADHS.
Die internationale Klassifikation der
Erkrankungen (ICD-10, WHO)
In der modernen Medizin werden Krankheiten nach
den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) diagnostiziert, wenn typische Krankheits-
symptome in ausreichender Zahl und Ausprägung
vorliegen. Die Symptome werden von führenden
Experten aus der ganzen Welt ausgewählt, in der
Praxis hinsichtlich ihrer Eignung erprobt und in die
Wie wird ADHS bei
Erwachsenen diagnostiziert?
Prof. Dr. med. Michael Rösler
 
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internationale Klassifikation der Erkrankungen
(ICD-10) - das diagnostische System der WHO - ein-
gearbeitet. Dadurch ist sichergestellt, dass überall
auf der Welt Erkrankungen nach identischen Maß-
stäben diagnostiziert und der Behandlung zugeführt
werden.
Nach der ICD-10 gibt es ADHS in zwei Varianten als:
F90.0 einfache Aktivitäts- und Aufmerksam-
keitsstörung
F90.1 hyperkinetische Störung des Sozial-
verhaltens
Die einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstö-
rung beinhaltet ausschließlich Symptome aus den
drei Symptomgruppen Unaufmerksamkeit, Hyper-
aktivität und Impulsivität. Bei der hyperkinetischen
Störung des Sozialverhaltens kommen noch andau-
ernde Muster aggressiven, aufsässigen und dissozi-
alen Verhaltens hinzu. Bei Erwachsenen wird die
letztere Kategorie nur selten gewählt, denn die Stö-
rungen des Sozialverhaltens der Kinder und Jugend-
lichen werden, wenn sie im Erwachsenenleben wei-
ter bestehen, als Persönlichkeitsstörungen bezeichnet.
In der modernen Medizin
werden Krankheiten
nach den Vorgaben
der Weltgesundheits-
organisation (WHO)
diagnostiziert
In der modernen Medizin
werden Krankheiten
nach den Vorgaben
der Weltgesundheits-
organisation (WHO)
diagnostiziert
 
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Die ADHS-Diagnose im Alltag
In der Praxis ist beim Erwachsenen die Diagnose
ADHS weniger problematisch, wenn die Erkrankung
bereits in der Kinder- und Jugendzeit erkannt und
behandelt wurde. In diesen Fällen ist zu prüfen, in
welchem Umfang sich die Symptomatik im Erwach-
senenalter fortgesetzt und verändert hat.
Wie bei anderen Krankheiten auch, können sich die
Symptome in der biographischen Entwicklung wan-
deln. Die ADHS eines Grundschülers sieht anders
aus als die eines 35-jährigen berufstätigen und ver-
heirateten Mannes. Um diesen Besonderheiten
Rechnung zu tragen, kann es ratsam sein, spezielle
Anzeichen der ADHS im Erwachsenenalter bei der
Diagnostik zu berücksichtigen. Die so genannten
"Utah-Kriterien" von P. H. Wender (1995) beinhalten
neben den klassischen Störungsmustern Unaufmerk-
samkeit, Hyperaktivität und Impulsivität noch vier
weitere Symptomgruppen, nämlich Desorganisation,
emotionale Labilität, spezielle Eigenschaften im
Sinne der leichten Erregbarkeit und Stressüber-
empfindlichkeit. Die Berücksichtigung der für das
Erwachsenenalter typischen Symptome hat den
Vorteil, dass damit der Blick für spezifische Pro-
bleme dieses Lebensabschnitts geschärft wird. Mit
der Bestandsaufnahme der Symptomatik des Er-
wachsenenalters kann der Arzt die Entscheidung
über Art und Umfang der erforderlichen Therapie
vorbereiten.
Nicht selten kommen Patienten zur Diagnostik, bei
denen die Diagnose in der Kindheit und Jugend
nicht gestellt wurde, obwohl sich aus dem Bericht
der Betroffenen ergibt, dass eine entsprechende
Symptomatik vorhanden gewesen sein könnte. In
diesen Fällen gestaltet sich das diagnostische Vor-
gehen schwieriger: Es genügt nicht, dass aktuell
ADHS-Phänomene nachweisbar sind, vielmehr
muss rückblickend gezeigt werden, dass bereits im
Grundschulalter typische Symptome vorhanden
waren und danach bis ins Erwachsenenalter andau-
ern. Darüber hinaus muss sich ergeben, dass die
ADHS in verschiedenen Lebensfeldern subjektives
Leid und Beeinträchtigungen verursachte. Eine der-
artige retrospektive Symptomklärung wird erleich-
tert, wenn Eltern oder andere Personen aus dem
Wie bei anderen
Krankheiten auch,
können sich die
Symptome in der
biographischen
Entwicklung wandeln
Wie bei anderen
Krankheiten auch,
können sich die
Symptome in der
biographischen
Entwicklung wandeln
 
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unmittelbaren Lebensumfeld verfügbar sind, die mit
der Entwicklung der Person vertraut sind. Diese
wichtigen Informationsquellen werden nicht immer
ausreichend genutzt. Dabei wird übersehen, dass
Personen aus dem genannten Umfeld vielfach wert-
volle diagnostische Hinweise geben können. Ist eine
derartige Informationsgewinnung nicht möglich,
bleibt lediglich die systematische Befragung des
Patienten über ADHS-Symptome im Kindesalter.
Zur ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter gehört
auch die Feststellung eventueller komorbider Lei-
den, denn "ADHS pur" ohne weitere psychische
Störungen findet man nur in seltenen Fällen. Der
Therapieplan muss auch auf die Komorbidität
Rücksicht nehmen. Die ADHS-Diagnostik stützt sich
beim Erwachsenen demnach auf folgende Schritte:
1. Nachweis der Symptomatik im Grundschulalter
2. Beschreibung der Symptome des
Erwachsenenalters
3. Verifizierung der diagnostischen Kriterien
nach ICD-10
4. Feststellung komorbider Erkrankungen
Wer kann ADHS diagnostizieren?
Die Feststellung der ADHS beim Erwachsenen ist
eine komplexe klinische Diagnose, die vom Psychiater
oder Nervenarzt geleistet werden muss. Der dia-
gnostische Prozess erfordert klinische Erfahrung
und genaue Kenntnis des Krankheitsbildes im Er-
wachsenenalter, denn die zentrale Symptomatik mit
Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität
ist nur begrenzt spezifisch. Sie kommt auch im
Rahmen anderer schwerwiegender psychischer
Erkrankungen vor. Die ADHS-Diagnose ist daher
eine Aufgabe für Spezialisten.
Diagnostische Hilfen
Der diagnostische Prozess kann durch die Anwen-
dung spezieller Diagnostikinstrumente erleichtert
werden. Dabei werden Selbstbeurteilungsverfahren
von Fremdbeurteilungsinstrumenten unterschieden.
Bei Selbstbeurteilungsverfahren wird den Patienten
ein Bogen vorgelegt, der verschiedene Fragen for-
muliert und an den Patienten richtet, die dieser ent-
sprechend den Instruktionen beantworten soll.
Im Bereich der ADHS-Diagnostik hat sich die so
genannte "Wender Utah Rating Scale" (WURS-k,
Retz-Junginger et al. 2003) zur retrospektiven Diag-
nostik kindlicher ADHS-Symptome bewährt. Mit
dem ADHS-Selbstbeurteilungsbogen (ADHS-SB,
Rösler et al. 2004) kann der Patient Informationen
liefern, ob bei ihm die diagnostischen Kriterien nach
ICD-10 vorhanden sind. Selbstbeurteilungsskalen
sind besonders ökonomisch einsetzbare Diagnostik-
instrumente, deren Anwendung für den Arzt ein-
Zur ADHS Diagnostik im
Erwachsenenalter
gehört auch die
Feststellung eventueller
komorbider Erkrankungen
Zur ADHS Diagnostik im
Erwachsenenalter
gehört auch die
Feststellung eventueller
komorbider Erkrankungen
Die ADHS-Diagnose
ist eine Aufgabe für
Spezialisten
Die ADHS-Diagnose
ist eine Aufgabe für
Spezialisten
 
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fach ist und wertvolle Informationen sichert.
Ebenfalls ökonomisch verwendbar sind Fremdbeur-
teilungsskalen, die von Angehörigen oder anderen
Personen aus dem direkten Lebensumfeld ausge-
füllt werden. Für diesen Aufgabenbereich sind
ebenfalls spezielle Instrumente entwickelt worden
(CAARS, Conners et al. 1999).
Für den Arzt bestimmt sind so genannte "Rating-
skalen" (Beurteilungsskalen), die die Diagnose ent-
sprechend den internationalen Vorgaben sichern.
Ein derartiges Instrument ist die ADHS-Diagnose-
checkliste (ADHS-DC, Rösler et al. 2004). Mit auf-
wendigen Interviews kann der Fachmann die ver-
schiedenen Symptomfelder spezifisch ausleuchten.
Ein Beispiel für diese speziell entwickelten Instru-
mente ist das Wender-Reimherr-Interview (Rösler
at al. 2005).
Für den Gebrauch von Selbst- und Fremdbeurtei-
lungsskalen im Rahmen der ADHS-Diagnostik
spricht nicht zuletzt, dass diese Verfahren die Mög-
lichkeit der Quantifizierung der Symptomatik bieten.
Dies stellt in der Verlaufsbeobachtung bei thera-
peutischer Intervention einen enormen Gewinn
dar, denn die Anwendung der Skalen kann beliebig
wiederholt werden. Die dabei erhaltenen Symptom-
werte dokumentieren, ob die Behandlung den
erwarteten therapeutischen Effekt erbrachte.
Menschen, die an ADHS leiden, haben ein erhöhtes
Risiko, im Laufe ihres Lebens zusätzliche psychi-
sche Störungen zu entwickeln. Kinder mit ADHS
können Lernstörungen und neurologische Entwick-
lungsdefizite, Tics und Störungen des Sozialverhal-
tens aufweisen. Im Jugendalter können Probleme
mit Alkohol und Drogen dazukommen. Bei Erwachse-
nen werden vielfach Persönlichkeitsstörungen,
Angststörungen, depressive und bipolare Störungen
bemerkt.
Der Bedarf an therapeutischen Hilfen ist im Ver-
gleich deutlich erhöht. Ein vielfach unterschätzter
Gesichtspunkt ist der ausgeprägte, über Jahrzehnte
bestehende Zigarettenkonsum vieler Betroffener,
der nicht selten aus der Erfahrung entsteht, dass
Nikotingebrauch die Symptomatik der ADHS mil-
dern kann. Hierdurch werden langfristig gravieren-
de Risiken für die Gesundheit verursacht.
Kommt es zu Unfällen zu Hause, bei der Arbeit, in
der Schule oder bei Freizeitaktivitäten, sind Men-
schen mit ADHS häufiger betroffen als andere. Vor
allem Unfälle, die zu ernsten gesundheitlichen Kon-
sequenzen führen, treten besonders häufig auf.
Wie kann sich ADHS auf
das Leben auswirken?
Prof. Dr. med. Michael Rösler
Kommt es zu Unfällen,
sind Menschen mit
ADHS häufiger
betroffen als andere
Kommt es zu Unfällen,
sind Menschen mit
ADHS häufiger
betroffen als andere
 
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Nicht wenige Erwachsene mit ADHS berichten, dass
sie in ihrer Schulzeit durch ihre Erkrankung Pro-
bleme hatten, konstant die erforderlichen Leistun-
gen zu erbringen. Vielfach wurden sie auch für ihr
Verhalten von den Lehrern getadelt. In der beruf-
lichen Ausbildung und später im Berufsalltag setzen
sich derartige Schwierigkeiten oft fort. Personen mit
ADHS wechseln viel häufiger den Arbeitsplatz und
werden mehr als andere gekündigt. Im Vergleich
werden ihre Arbeitsleistungen vielfach schwächer
bewertet. Ganz allgemein wird beobachtet, dass
Menschen mit ADHS häufig Schwierigkeiten haben,
eine ihren Möglichkeiten angemessene berufliche
Position zu erreichen.
Im persönlichen Bereich sind ebenfalls für ADHS typi-
sche Einschränkungen zu registrieren. Bei jungen
Erwachsenen liegt die Zahl unerwünschter Schwan-
gerschaften hoch, was mit der geringen Bereitschaft
zusammenhängt, sich beim Sexualkontakt zu schüt-
zen. Eine zweite Konsequenz dieses Verhaltens ist
das erheblich erhöhte Risiko, sich eine durch
Sexualkontakt übertragene Krankheit zuzuziehen.
Generell sind Partnerschaften häufig konfliktreich,
weniger stabil und oft von kurzer Dauer, die Schei-
dungsraten sind erhöht. Bei der Erziehung der Kin-
der können zusätzliche Spannungsfelder entstehen,
die einerseits damit zu tun haben, dass Eltern mit
ADHS aufgrund ihrer Impulsivität und geringeren
Stressfestigkeit im Umgang mit Kindern weniger
belastbar sind. Andererseits leiden deren Kinder
aufgrund der genetischen Verankerung der Krank-
heit ebenfalls häufig an ADHS. Damit können wech-
selseitig immer neue Konfliktfelder entstehen, die
die Familien belasten.
Aus anderen sozialen Feldern werden zusätzliche
Auffälligkeiten berichtet. Im Straßenverkehr fallen
immer wieder Personen mit ADHS durch Geschwin-
digkeitsüberschreitungen, Fahren ohne Fahrerlaub-
nis, Fahren unter Alkoholeinfluss und eine generelle
Tendenz zur Regelüberschreitung auf.
Besonders wenn ADHS mit Störungen des Sozial-
verhaltens und mit speziellen Persönlichkeitsstö-
rungen kombiniert ist, steigt das Risiko dissozialen
Verhaltens. Daher findet man unter jungen Männern,
die in Haft genommen werden mussten, überdurch-
schnittlich viele ADHS-Betroffene.
Zusammenfassend kann man erkennen, dass Men-
schen, die an ADHS erkrankt sind, häufig deutlich
erhöhte Risiken in Bezug auf zusätzliche psychische
Störungen, Gesundheitsprobleme und soziale Ein-
schränkungen in Kauf nehmen müssen. Die Wahr-
scheinlichkeit sozialer Spannungen mit Problemen
am Arbeitsplatz, in der Ehe, in den Familien und im
Umgang mit dem sonstigen persönlichen Lebens-
umfeld ist vergleichsweise hoch.
Personen mit ADHS
wechseln viel häufiger
den Arbeitsplatz
Partnerschaften sind
häufig konfliktreich,
weniger stabil und oft
von kurzer Dauer
Personen mit ADHS
wechseln viel häufiger
den Arbeitsplatz
Partnerschaften sind
häufig konfliktreich,
weniger stabil und oft
von kurzer Dauer
 
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Nachdem eine ADHS im Erwachsenenalter diagnos-
tiziert wurde, stellt sich nun die Frage nach einer
geeigneten Therapie. Heute gibt es eine Reihe von
erprobten Therapiemöglichkeiten: Hierzu gehören
u. a. Psychoedukation, Psychopharmaka oder auch
Psychotherapie, die einzeln oder auch kombiniert
(multimodale Therapie) angewandt werden können.
Insgesamt sollen die Symptome verringert und
langfristig das Selbstwertgefühl und die Lebens-
qualität erhöht werden.
Leider gibt es aber auch Verunsicherung und Mei-
nungsverschiedenheiten darüber, was wirklich hilft
und welche Therapien zum Einsatz kommen sollten.
Insbesondere die Psychopharmaka sind in der Dis-
kussion. Wichtig ist es deshalb, sich hierüber gut zu
informieren.
Die erste Frage, die sich immer stellt: Welche Thera-
pie ist genau für den Einzelnen die beste? In Abhän-
gigkeit von der Schwere der Symptomatik, den
Einschränkungen im Alltag sowie in den verschie-
denen Lebensbereichen, dem Selbstwertgefühl und
natürlich den persönlichen Wünschen sollte indivi-
duell ein Therapiekonzept erarbeitet werden. Er-
Wie wird ADHS behandelt?
Dr. med. Dipl.-Psych. Barbara Alm
Symptome sollen ver-
ringert und langfristig
das Selbstwertgefühl
und die Lebensqualität
erhöht werden
Symptome sollen ver-
ringert und langfristig
das Selbstwertgefühl
und die Lebensqualität
erhöht werden
 
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wachsene mit ADHS sollten im Verlauf der Behand-
lung lernen, ADHS zu akzeptieren, mit den Symp-
tomen besser umzugehen, anstehende Probleme zu
bewältigen und eine zufriedenstellendere soziale
Interaktion zu erleben.
Die Diagnose ADHS zu erhalten bedeutet noch nicht,
dass eine spezifische Behandlung erfolgen muss.
Manche Personen sind bereits zufrieden, wenn sie
eine Erklärung für ihre Symptome oder Probleme
haben, und können damit zukünftig besser umge-
hen. Andere hingegen, die ausgeprägtere Probleme
haben, mit Auswirkungen auf verschiedene Lebens-
bereiche wie Beruf oder Partnerschaft, werden eher
eine Behandlung wünschen und auch davon profi-
tieren können.
Die ADHS-Therapie basiert also auf einem Konzept,
das verschiedene Elemente oder Bausteine enthält,
die je nach individueller Symptomatik, individuellen
Beeinträchtigungen und Wünschen, aber auch ver-
fügbaren Möglichkeiten zusammengesellt werden.
Dies wird auch multimodales Therapiekonzept
genannt.
Zu diesen Bausteinen gehören:
1. Beratung, Psychoedukation
2. medikamentöse Behandlung
3. Psychotherapie, störungsspezifische
Gruppentherapie, Coaching
4. Bezugspersonen einzubeziehen
5. Selbsthilfegruppen
6. ergänzende Therapie bei komorbiden Störungen
Beratung und Psychoedukation
Wichtig ist zunächst eine gründliche Information
und Beratung über ADHS, evtl. auch unter Einbe-
ziehung wichtiger Bezugspartner, und Besprechung
des weiteren Vorgehens. Eine Beratung allein, z. B.
wie der Alltag anders strukturiert werden kann,
bringt unter Umständen bereits Verbesserungen
mit sich.
Psychoedukation bedeutet eine ausführliche Infor-
mation über alle wichtigen Aspekte der ADHS, ein-
schließlich Diagnostik (Wie wurde ADHS bei mir
festgestellt?), Ätiologie mit Genetik einschließlich
neurobiologischer Konzepte (Woher kommt ADHS?),
Symptomatik mit Beeinträchtigungen (Was ist ADHS
überhaupt?) und Therapiemöglichkeiten (Wie wirken
die Medikamente, können sie auch schaden, was für
Nebenwirkungen haben sie, wie wirkt Psychothera-
pie?). Individuelle Lebensbezüge werden hergestellt
(Welche Bedeutung hat ADHS für meine Biografie?),
und Bewältigungsstrategien (Wie kann ich meine
Ziele am besten umsetzen?) werden besprochen.
Die ADHS-Therapie
basiert auf einem
multimodalen
Therapiekonzept
Die ADHS-Therapie
basiert auf einem
multimodalen
Therapiekonzept
Psychoedukation
bedeutet eine
ausführliche
Information über
alle wichtigen
Aspekte der ADHS
Psychoedukation
bedeutet eine
ausführliche
Information über
alle wichtigen
Aspekte der ADHS
 
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Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Unterstützung
der Selbstorganisation und emotionalen Entlastung.
Auch hier können Partner/Angehörige einbezogen
werden.
Medikamentöse Behandlung
Vielleicht wurde nach der Diagnosestellung und dem
ausführlichen Informationsgespräch über die Er-
krankung besprochen, dass eine medikamentöse
Behandlung erforderlich ist. Einer der Gründe hier-
für könnte sein, dass die Symptome besonders
stark ausgeprägt sind und in mehreren Lebensbe-
reichen erhebliche Beeinträchtigungen bestehen.
Durch eine medikamentöse Behandlung können
häufig die Konzentration, die Ausdauer oder andere
bestehende Symptome verbessert werden.
Medikamente haben sich bisher in zahlreichen
Untersuchungen als wirksam zur Behandlung der
ADHS erwiesen. Möglicherweise sind diese Medi-
kamente im Kindes- und Jugendalter in ihrer Wir-
kung ein wenig besser als bei Erwachsenen.
Weitere wissenschaftliche Untersuchungen werden
hierüber jedoch in Zukunft mehr Klarheit verschaffen.
Bislang sind in Deutschland die Medikamente zur
Behandlung von ADHS nur für die Behandlung von
Kindern und Jugendlichen zugelassen. Das bedeu-
tet jedoch nicht, dass der behandelnde Arzt diese
Medikamente nicht verschreiben kann. Er hat die
Möglichkeit, diese Medikamente mit einer Begrün-
dung gegenüber der Krankenkasse (so genannter
"Off-Label-Verordnung") zu verordnen. Voraus-
setzung für die "Off-Label-Verordnung" ist, dass
der Patient erhebliche Symptome zeigt, es keine
alternativen Behandlungsmöglichkeiten gibt und
Untersuchungen zur Wirksamkeit des entsprechen-
den Medikaments vorliegen.
Einige der derzeit verfügbaren Medikamente zur
Behandlung von ADHS unterliegen dem Betäubungs-
mittelgesetz. Dies bedeutet, dass die Verordnung
mittels eines besonderen Rezeptes erfolgen muss.
Diese unter das Betäubungsmittelgesetz fallenden
Medikamente werden auch "Psychostimulanzien"
genannt. Der bekannteste Wirkstoff ist das "Methyl-
phenidat". Die genaue Wirkweise dieser Psycho-
stimulanzien ist bis heute nicht bekannt. Man geht
davon aus, dass Botenstoffe im Gehirn, die so ge-
nannten Neurotransmitter (in diesem Fall das Dopa-
min und auch das Noradrenalin), die in bestimmten
Hirnbereichen vorkommen und unter anderem die
Aufmerksamkeit und Impulskontrolle steuern, fehl-
Durch eine medika-
mentöse Behandlung
können häufig die
Konzentration, die
Ausdauer oder andere
bestehende Symptome
verbessert werden
Durch eine medika-
mentöse Behandlung
können häufig die
Konzentration, die
Ausdauer oder andere
bestehende Symptome
verbessert werden
 
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reguliert sind. Dieses vermutlich genetisch verur-
sachte Ungleichgewicht wird gebessert, indem be-
stimmte Transporterproteine blockiert werden und
somit die Wirkung der Botenstoffe länger bestehen
bleiben kann.
Die Stimulanzien wirken in der Regel fördernd auf
die Konzentration und vermindern Impulsivität und
Hyperaktivität. Viele Erwachsene schildern, dass sie
erstmals in ihrem Leben ein Buch zu Ende gelesen
haben, sich ruhig einer Aufgabe widmen konnten
oder den Schreibtisch aufgeräumt haben. Die Bes-
serung der Aufmerksamkeit lässt sich auch in test-
psychologischen Untersuchungen zeigen. In Ver-
fahren, die die Aufmerksamkeit erfassen, zeigte
sich bei erwachsenen Menschen mit ADHS eine
Verbesserung der Symptome unter der Behandlung
mit Stimulanzien im Vergleich zu Untersuchungen
ohne Medikamente.
Ein Argument, das häufig gegen die Behandlung mit
Stimulanzien verwendet wird, ist eine erhöhte
Suchtgefahr. Dafür gibt es jedoch keine Beweise. Im
Gegenteil: Untersuchungen an Jugendlichen haben
gezeigt, dass eine frühe Behandlung eher das Risiko
einer Suchterkrankung verringern kann.
Falls eine Abhängigkeit oder ein Missbrauch von
Drogen oder Alkohol vorliegt, sollte dies mit einem
Arzt besprochen werden. Er wird eine Behandlung
und nachfolgende Kontrolle über die Einhaltung der
Abstinenz einleiten. Vor dem Beginn einer Behand-
lung müssen eine körperliche Untersuchung und
ein Laborscreening erfolgen, wobei u. a. auch die
Schilddrüsenhormone bestimmt werden. Gegen
eine Behandlung mit Methylphenidaten sprechen
z. B. eine Abhängigkeitserkrankung, Bluthochdruck,
Herzrhythmusstörungen, erhöhter Augeninnen-
druck sowie ein Anfallsleiden. Auch schwangere
Frauen sollten das Medikament nicht einnehmen.
Der Arzt wird nach diesen Krankheiten fragen und
besprechen, ob eine sogenannte Kontraindikation
vorliegt.
Wenn Methylphenidat eingenommen wird, stellt sich
nach ca. 30 Minuten eine Wirkung ein, die ungefähr
2 bis 4 Stunden anhält. Danach muss eine weitere
Tablette eingenommen werden, deren Wirkung
durch die Höhe der Dosis bestimmt wird. Der Arzt
wird mit einer niedrigen Dosis beginnen und schritt-
weise erhöhen. Es wird also eine individuelle Dosie-
rung erfolgen, die, auf zwei oder drei Zeitpunkte
über den Tag verteilt, eingehalten werden muss.
Das Medikament ist in der Regel gut verträglich und
Die Stimulanzien
wirken in der Regel
fördernd auf die
Konzentration und
vermindern Impulsivität
und Hyperaktivität
Die Stimulanzien
wirken in der Regel
fördernd auf die
Konzentration und
vermindern Impulsivität
und Hyperaktivität
Bei der Einnahme von
Methylphenidat stellt
sich nach ca. 30 Minuten
eine Wirkung ein, die
ungefähr 2 bis 4
Stunden anhält
Bei der Einnahme von
Methylphenidat stellt
sich nach ca. 30 Minuten
eine Wirkung ein, die
ungefähr 2 bis 4
Stunden anhält
 
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hat wenige Nebenwirkungen. Diese können z. B.
Appetitminderung, Schlafstörungen, Kopfdruck
oder Unruhe sein. Die Nebenwirkungen sind meist
gering und können sich nach ein paar Tagen bes-
sern oder treten gar nicht mehr auf.
Eine Weiterentwicklung des Methylphenidats, das
mehrmals am Tag eingenommen werden muss, ist
die so genannte Retard-Form. Diese retardierten
Präparate haben sich in Untersuchungen ebenfalls
als wirksam zur Behandlung von ADHS erwiesen.
Hierbei erfolgt nach ca. 1 bis 2 Stunden eine initiale
Freisetzung des Wirkstoffes, danach eine schritt-
weise. Die Wirkungsdauer beträgt ca. 8 bis 12 Stun-
den. Die Erfahrungen mit diesen Medikamenten
sind insgesamt gut.
Statt Methylphenidat wird bei Kindern auch der so
genannte Amphetaminsaft verordnet. Dieser muss
in der Apotheke hergestellt werden. Bei manchen
erwachsenen Personen, bei denen Methylphenidat
nicht ausreichend wirkt, kann dieser alternativ ver-
ordnet werden.
Einen neuen Behandlungsansatz könnte ein neuar-
tiges Medikament der Firma Lilly darstellen, das
seit Ende 2002 in den USA zur Behandlung der
ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
zugelassen ist. In Europa ist es bereits in England
erhältlich. Dieses Medikament wirkt ebenfalls über
eine Regulierung der Neurotransmitter im Gehirn.
Es reguliert in erster Linie die Verfügbarkeit des
Neurotransmitters Noradrenalin und bewirkt, dass
im synaptischen Spalt mehr von diesem Botenstoff
durch eine so genannte Noradrenalin-Wiederauf-
nahmehemmung zur Verfügung steht. Die Zulassung
für das Medikament, das nicht unter das Betäubungs-
mittelgesetz fallen würde, wird für das erste Halb-
jahr 2005 erwartet.
Auch einige andere Medikamente, wie Antidepressiva,
wurden in Untersuchungen bei der Behandlung von
ADHS bei Erwachsenen eingesetzt. Diese Medika-
mente spielen zur Behandlung der Kernsymptome
jedoch nur eine geringe Rolle, vielmehr können sie
begleitend bei zusätzlich bestehenden depressiven
Symptomen verordnet werden.
Verschiedene Arten der Psychotherapie können sinn-
voll sein, um die Kernsymptome oder die Sekundär-
folgen von ADHS zu behandeln. Im Zentrum der Be-
handlung kann eine Verhaltenstherapie stehen, ein-
zeln oder in einer Gruppe angewandt. Bisher gibt es
nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen über
die Wirksamkeit von Psychotherapie bei ADHS.
In einer Verhaltenstherapie werden problematische
Verhaltensweisen identifiziert, besprochen und alter-
native Strategien eingeübt. Zuerst wird der Thera-
peut sehr viele Vorgaben machen und ausführlich
Einen neuen
Behandlungsansatz
könnte ein neuartiges
Medikament der
Firma Lilly darstellen
Einen neuen
Behandlungsansatz
könnte ein neuartiges
Medikament der
Firma Lilly darstellen
Psychotherapeutische
Strategien
Dr. med. Dipl.-Psych. Barbara Alm
 
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besprechen, wie Verhalten und Gefühle geändert
werden können. Ziel soll im Verlauf der Therapie
sein, Selbstkontrolle über diese störenden Symp-
tome zu erlangen und im Rahmen eines "Selbst-
managements" selbstständig alternative Pläne und
Strategien zu entwickeln. Dies ist nicht immer ganz
einfach, sondern erfordert oft regelmäßiges Üben.
Häufig werden jedoch mit der Zeit sehr gute Erfolge
erzielt. Die Psychotherapie hilft also, Probleme und
Schwierigkeiten besser zu verstehen und zu bewäl-
tigen. Das Selbstwertgefühl kann sich in der Folge
deutlich verbessern, und die Energie, Kreativität
und Neugier, die viele Menschen mit ADHS haben,
kann sich in vielen Bereichen des alltäglichen Le-
bens, einschließlich Beziehungen, positiv auswirken.
In einer Therapie kann auch reflektiert werden, was
ADHS für die Biographie des Einzelnen bedeutet
und was es zukünftig bedeuten kann. Hier kommen
vielleicht Ärger, Frustration und auch Traurigkeit
über das Versagen, die Selbstwertzweifel, die stän-
dige Kritik der Umwelt oder auch die vermissten
Gelegenheiten zur Sprache.
Die Psychotherapie kann des Weiteren in einer Grup-
pe durchgeführt werden. An der Freiburger Univer-
sitätsklinik wurde ein Gruppenprogramm für er-
wachsene ADHS-Patienten entwickelt und bisher
mit sehr gutem Erfolg durchgeführt. Das Programm
hat verschiedene Module, die zum einen eine aus-
führliche Psychoedukation über alle wichtigen As-
pekte von ADHS beinhaltet, u. a. Symptomatik, Neu-
robiologie, Medikamente oder Substanzmissbrauch.
Zum anderen werden Verhaltensstrategien unter
Verwendung von Hausaufgaben für wichtige, ADHS-
relevante Bereiche besprochen und eingeübt: All-
tagsstrukturierung, Organisationsplanung, Acht-
samkeitsübungen, Emotionsregulation, Impulskon-
trolle und Stressmanagement. Bisher vorliegende
Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass es den Teil-
nehmern nach Abschluss der Therapie besser ge-
lingt, die ADHS-Symptome zu akzeptieren und
durch die erlernten Strategien auch besser damit
umzugehen.
Das so genannte Coaching stellt eine weitere Mög-
lichkeit, ADHS-Symptome zu behandeln, dar. Ein
Coach kann z. B. mit einem Trainer beim Sport ver-
glichen werden, der eine Person begleitet und die
Frage stellt, was diese Person zur Problembewälti-
gung benötigt. Er schaut sich an, welche Fertigkei-
Die Psychotherapie
hilft bei der Bewältigung
von Problemen und
Schwierigkeiten
Die Psychotherapie
hilft bei der Bewältigung
von Problemen und
Schwierigkeiten
 
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ten vorliegen und wie diese optimal eingesetzt wer-
den können. Dadurch lassen sich die eigenen Hand-
lungsspielräume erweitern.
Ein Coach ist dabei behilflich, den derzeitigen Stand-
ort zu bestimmen, wohin sich der Betroffene verän-
dern möchte und wie dies funktionieren kann. Ein
Coach kann der Therapeut selbst sein, aber auch
beispielsweise ein Freund.
Für weitere Informationen und den Austausch mit
anderen Betroffenen, entweder begleitend zu einer
Therapie oder im Anschluss daran, ist auch der
Besuch einer Selbsthilfegruppe zu empfehlen. Hier
kann sich jeder praktische Tipps holen oder sich
einfach mit anderen Gleichgesinnten austauschen
und vielleicht auch von anderen Erfahrungen profi-
tieren.
Bei allen vorher genannten Verfahren kann der be-
handelnde Arzt oder Therapeut während der Be-
handlung wichtige Bezugspersonen/Partner in die
Behandlung einbeziehen. Dies ist sehr wichtig. Zum
einen, damit diese Personen die ADHS-Symptome
kennen, zum anderen, um Strategien im Umgang
damit kennen zu lernen. Denn nur wenn das direkte
soziale Umfeld weiß, wie es Erwachsenen mit ADHS
geht und wie sie damit umgehen können, werden
langfristige Konflikte vermieden. Auch hier gilt:
Information ist der erste Schritt, um mögliche
Konflikte zu minimieren und ein gegenseitiges
Verständnis zu erlangen.
Der Besuch einer
Selbsthilfegruppe
ist zu empfehlen
Der Besuch einer
Selbsthilfegruppe
ist zu empfehlen
 
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]
derungen rechnen muss, durch die er verpflichtet
werden soll, die Kosten der Medikamente seiner
Patienten im Nachhinein aus eigener Tasche der
Krankenkasse zurückzuzahlen.
Zur medikamentösen Behandlung der ADHS stehen
Stimulanzien, in erster Linie der Wirkstoff Methyl-
phenidat, zur Verfügung sowie Substanzen, die die
Verfügbarkeit des Botenstoffes Noradrenalin im
Gehirn erhöhen. Zu den letzteren könnte demnächst
auch ein neues Medikament der Firma Lilly zählen.
Dieser sogenannte hochselektive Noradrenalin-
Wiederaufnahmehemmer ist seit Ende 2002 in den
USA zur Behandlung von ADHS im Kindes- und
Jugendalter und im Erwachsenenalter zugelassen.
In Europa ist er bereits in England erhältlich. Für
Deutschland wird eine Zulassung im ersten Halb-
jahr 2005 erwartet. Methylphenidat ist zugelassen
zur Anwendung bei ADHS im Kindes- und Jugend-,
jedoch nicht im Erwachsenenalter. Die Altersbe-
schränkung ergibt sich daraus, dass zum Zeitpunkt
der Zulassung "ADHS bei Erwachsenen" noch rela-
tiv unbekannt war und keine entsprechenden
Forschungsergebnisse vorlagen. Es handelt sich
also bei der Verschreibung bei Erwachsenen um
eine "Off-Label-Verordnung".
Vom Bundessozialgericht (BSG) wurde festgelegt, dass
eine Verordnung von Medikamenten außerhalb des
Zulassungsbereichs zu Lasten der gesetzlichen Kran-
kenversicherung möglich ist, und zwar dann, wenn:
Der verordnende
Arzt muss mit
Schadensersatz-
forderungen rechnen
Der verordnende
Arzt muss mit
Schadensersatz-
forderungen rechnen
Darüber hinaus ist ein weiterer Schritt in der Be-
handlung zu besprechen: "Wie soll mit Begleit-
erkrankungen umgegangen werden?" Es kann sein,
dass zuerst die Begleiterkrankung (z. B. bei Ab-
hängigkeitserkrankungen) behandelt wird und dann
erst die ADHS-Symptomatik, oder aber auch, dass
beides gleichzeitig behandelt wird (z. B. bei einer
Angststörung). Häufig wird zunächst das schwer-
wiegendere Problem zuerst behandelt.
In der Regel erhalten ADHS-Patienten, die sich bei
ihrer gesetzlichen Krankenkasse über die Kosten-
übernahme hinsichtlich der Medikamente informie-
ren, die Auskunft, dass die Kasse alle verschriebe-
nen Medikamente bezahlt. Dies ist insofern richtig,
als der Versicherte bei Vorlage eines Kassenrezepts
in der Apotheke problemlos das verordnete Medika-
ment erhält. Nicht bekannt ist allerdings den mei-
sten Versicherten das Risiko, das ihr behandelnder
Arzt bei der Ausstellung eines Kassenrezeptes, z. B.
bei Methylphenidaten, trägt.
Verordnen niedergelassene Ärzte Medikamente, die
für den entsprechenden Anwendungsbereich (z. B.
die Behandlung von ADHS bei Erwachsenen) nicht
zugelassen sind (so genannte "Off-Label-Verord-
nung"), müssen sie damit rechnen, dass die Kranken-
kassenverbände Antrag auf "Feststellung eines son-
stigen Schadens" stellen. Konkret bedeutet dies,
dass der verordnende Arzt mit Schadensersatzfor-
ADHS bei Erwachsenen aus
Sicht der Krankenkassen
Dr. med. Sabine Krämer
 
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47
]
wissen, dass er seinem Patienten höchstwahr-
scheinlich gut helfen könnte, ihm aber seitens der
Krankenkasse die Hände gebunden sind. Es steht
zu hoffen, dass diese missliche Situation bald been-
det wird - sei es durch die Zulassung der Präparate
auch für das Erwachsenenalter oder durch ein
"Einsehen" der gesetzlichen Krankenkassen.
Der erste Schritt ist, dass Erwachsene mit ADHS
"ihr Chaos im Kopf" verstehen lernen. Die Ver-
arbeitung von Informationen im Gehirn verläuft
nicht optimal, wodurch die Betroffenen ablenkbar,
unaufmerksam und vielleicht auch impulsiv sind.
Um optimale Ergebnisse zu erreichen, müssen sich
Personen mit ADHS in vielen Lebensbereichen
mehr anstrengen als andere.
Was können Sie selbst tun?
. Zerlegen Sie eine Aufgabe in kleine Schritte. Ihre
Aufmerksamkeitsspanne ist kürzer als die von
anderen Personen. Deshalb ist es wichtig, das
Prinzip der kleinen Schritte anzuwenden. Setzen
Sie Prioritäten!
. Schreiben Sie wichtige Dinge auf eine Kartei-
karte oder einen Klebezettel und hängen Sie
diese z. B. an den Spiegel in Ihrem Badezimmer.
. Sie sollten Ihren Arbeitsplatz/Schreibtisch über-
sichtlich organisieren. Alles sollte so organisiert
Wie kann ich mir im Alltag
selbst helfen?
Dr. med. Dipl.-Psych. Barbara Alm
. eine lebensbedrohende oder die Lebens-
qualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigende
Erkrankung behandelt werden muss,
. keine andere Behandlungsmöglichkeit
vorhanden ist und
. die begründete Aussicht besteht, mit dem
Präparat einen Behandlungserfolg zu erzielen.
Obwohl es unstrittig ist, dass eine ausgeprägte ADHS
ein ganz erhebliches psychisches Leiden für den
Patienten verursacht und seinen persönlichen Le-
bensweg oftmals gravierend beeinträchtigt, fordern
zumindest einzelne Medizinische Dienste der Kran-
kenkassen (MDK) ein ausführliches Gutachten in
jedem Einzelfall, in dem die Beeinträchtigung der
Lebensqualität belegt werden soll. Auch wenn der
Arzt ein solches Gutachten erstellt, ist es nicht sel-
ten, dass der MDK sich über die wissenschaftliche
Datenlage zur Wirksamkeit des Medikaments hin-
wegsetzt und seine Anwendung für "sozialmedizi-
nisch nicht vertretbar" erklärt.
Die betroffenen Patienten stehen dann vor dem Di-
lemma, dass zur Behandlung ihrer Krankheit hoch-
wirksame und gut verträgliche Medikamente zur
Verfügung stehen, diese aber nicht zu Lasten der
gesetzlichen Versicherung verordnet werden dürfen.
Der behandelnde Arzt steht vor dem Dilemma, zu
Einzelne Medizinische
Dienste der Kranken-
kassen (MDK) fordern
ein ausführliches
Gutachten
Einzelne Medizinische
Dienste der Kranken-
kassen (MDK) fordern
ein ausführliches
Gutachten
 
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48
]
Ihren Partnern/Freunden Spaß bereiten.
. Wenn Ihnen all das nicht sofort und immer
gelingt, nutzen Sie Ihre Ressourcen, Energie und
Kreativität.
Und wenn Ihnen dies alles nicht gelingt, ärgern Sie
sich nicht - versuchen Sie es einfach noch einmal.
sein, dass Sie nicht lange suchen müssen.
Ablagekästen oder Ordner können hier hilfreich
sein, Karteikarten, auch mit unterschiedlichen
Farben, erleichtern die Organisation.
. Termine oder notwendige Erledigungen sollten
Sie sofort aufschreiben. Ein Terminplaner ist
dafür ein wichtiges Hilfsmittel, oder benutzen
Sie einen PC/elektronischen Terminplaner. Text-
marker in verschiedenen Farben können eben-
falls hilfreich sein.
. Halten Sie für bestimmte Aktivitäten feste Zeiten
ein. Etablieren Sie Rituale für wichtige persönli-
che Bereiche, z. B. Einkaufen oder Sport, an be-
stimmten Tagen und zu festen Zeiten. Sport ist
eine sehr wichtige Aktivität zum Spannungs-
abbau und zur Stimmungsstabilisierung.
. Planen Sie im Voraus.
. Schieben Sie nichts auf (übrigens eines der
wesentlichsten ADHS-Probleme). Wenn Sie
Dinge gleich erledigen, werden Sie sich ver-
mutlich viel besser fühlen.
. Sorgen Sie dafür, dass Arbeit/Pflichten und
Entspannung ausgewogen sind.
. Wenn Ihre Stimmung mal wieder schwankt,
akzeptieren Sie es. Sie wissen, dass dieser Zu-
stand vorübergeht. Auch das Grübeln darüber
hilft nichts.
. Wichtige Bezugspartner, egal ob im Freundes-
kreis oder am Arbeitsplatz, sollten informiert
werden. Informieren Sie Ihren Gesprächspartner,
wenn Sie merken, dass Sie nicht aufmerksam
genug sind und die Kommunikation/Beziehung
vielleicht darunter leiden könnte.
. Belohnen Sie sich für Erfolge, auch für die klei-
nen. Unternehmen Sie auch Dinge, die Ihnen und
 
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51
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[
50
]
ADS e.V.
Elterninitiative zur Förderung von Kindern, Jugendlichen und
Erwachsenen mit AufmerksamkeitsDefizitSyndrom (ADS) mit/
ohne Hyperaktivität
Im Tiefentobel 28 · Postfach 11 65 · 73055 Ebersbach
Telefon 07161 920225 · Fax 07161 920226
www.ads-ev.de · geschaeftsstelle@ads-ev.de
Juvemus
Vereinigung zur Förderung von Kindern und Erwachsenen mit
Teilleistungsschwächen e. V.
Obergraben 25 · 56567 Neuwied
Telefon 02631 54641
www.juvemus.de · info@juvemus.de
AD(H)S-Beratungsstelle Berlin
Grazer Platz 14 · 12157 Berlin
Telefon 030 85629535 · Fax 030 85629536
adhs-beratung.cw-berlin@web.de
Eltern/Erwachsenengruppe
ADS-Hyperaktivität Frankfurt/Main
Ligusterweg 32 · 60433 Frankfurt
Telefon 069 540822 · Fax 069 791212732
www.ads-hyperaktivitaet.de · info@ads-hyperaktivitaet.de
Internet
ADHS im Erwachsenenalter - Leitlinie der
Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie,
Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)
www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/psypn14.htm
Wenn Sie sich vertieft über ADHS informieren
möchten oder Kontakt zu anderen von ADHS-Be-
troffenen aufnehmen möchten, so empfehlen wir
Ihnen folgende Literatur bzw. Anlaufstellen:
Literatur
ADHS im Erwachsenenalter
von Johanna Krause und Klaus-Henning Krause,
Schattauer, F. K. Verlag, 2005
ADS - Das Erwachsenen-Buch
von Dieter Claus, Elisabeth Aust-Claus und
Petra-Marina Hammer, Oberstebrink Verlag, 2002
Zwanghaft zerstreut:
ADS - die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein
von Edward M. Hallowell und John J. Ratey,
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1999
Selbsthilfegruppen
BV AH
Bundesverband Aufmerksamkeitsstörungen/Hyperaktivität e. V.
Postfach 60 · 91291 Forchheim
Telefon 09191 704260 · Fax 09191 34874
www.bv-ah.de · info@bv-ah.de
BV AÜK
Bundesverband Arbeitskreis überaktives Kind e. V.
Postfach 41 07 24 · 12117 Berlin
Telefon 030 85605902 · Fax 030 85605970
www. bv-auek.de · info@bv-auek.de
Wo kann ich mehr zu
ADHS erfahren?
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53
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52
]
durchgängig in vielen Lebensbereichen manifestie-
ren. Diese Störungen erweisen sich gegenüber
äußeren Einwirkungen regelmäßig als wenig verän-
derlich.
Die ADHS ist von der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) als Krankheit anerkannt und in ihrem Diag-
nosensystem ICD-10, das in unserem Land von
allen Ärzten verwendet wird, als diagnostische
Kategorie enthalten. Im Übrigen erfüllt die ADHS
alle Kriterien, die für die Anerkennung als Krank-
heit notwendig sind. ADHS ist durch verschiedene
Kriterien verbindlich definiert. Man weiß, dass ADHS
weltweit auftritt und in allen sozialen Schichten be-
obachtet werden kann.
Eine genetische Verursachung gilt heute als gesichert.
Eine Fehlregulierung der Hirnbotenstoffe, Abwei-
chungen in der Struktur des Gehirnes und in seinen
Funktionen zeigen die biologische Verankerung der
Erkrankung an. Ein weiterer wichtiger Gesichts-
punkt ist die Verfügbarkeit effizienter Therapiever-
fahren. Damit erfüllt die ADHS alle Bedingungen,
die bei medizinischen Krankheiten hinsichtlich
Diagnose, Häufigkeit, Verursachung und Behand-
lung erfüllt sein müssen.
Im Vergleich zu anderen psychischen Krankheiten
wie z. B. Depressionen, Schizophrenien etc. ist der
Wissensstand über die Erkrankung hoch einzu-
schätzen.
Manchmal stößt man auf die Meinung, dass Störun-
gen der Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impul-
sivität den meisten Menschen vertraute Phänomene
seien und deswegen weniger von einer medizini-
schen Krankheit als von allgemeinen Eigenschaften,
die bisweilen als störend erlebt werden, gesprochen
werden sollte.
Andere bestreiten generell, dass es überhaupt ADHS
gibt, und vertreten die Auffassung, dass die moder-
nen Industriegesellschaften mit ihren speziellen Le-
bensbedingungen für dieses Verhalten verantwort-
lich seien.
Es ist in diesem Kontext wichtig, sich zu vergegen-
wärtigen, dass hier nicht jene Aufmerksamkeits-
mängel gemeint sind, die jeder Mensch kennt, z. B.
wenn er müde ist und sich nicht mehr konzentrie-
ren kann. Es geht auch nicht um Unruhe und Zap-
peligkeit in spezifischen Belastungssituationen.
Vielmehr handelt es sich gerade nicht um situa-
tionsbezogene, sondern um seit der Kindheit beste-
hende und überdauernde Störungen der Aufmerk-
samkeit mit Hyperaktivität und Impulsivität, die sich
Gibt es kritische Fragen
zu ADHS?
Prof. Dr. med. Michael Rösler
Die ADHS ist von der
Weltgesundheits-
organisation (WHO) als
Krankheit anerkannt
Die ADHS ist von der
Weltgesundheits-
organisation (WHO) als
Krankheit anerkannt
 
[
54
]
Faraone SV (2004) Etiology and Pathophysiology of
Adult Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder.
Primary Psychiatry 11: 28-40
Retz-Junginger P, Retz W, Blocher D, Stieglitz RD,
Supprian T, Wender PH, Rösler M (2003)
Reliabilität und Validität der Wender Utah Rating
Scale Kurzform. Nervenarzt 74: 987-993
Rösler M, Retz-Junginger P et al. (2005)
Instrumente zur ADHS Diagnose bei Erwachsenen.
Hogrefe Göttingen (in Vorbereitung)
Rösler M, Retz W, Retz-Junginger P, et al. (2004)
Instrumente zur Diagnostik der Aufmerksamkeits-/
Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter:
Selbstbeurteilungsskala (ADHS-SB) und Diagnose
Checkliste (ADHS-DC). Nervenarzt 75: 889-895
Wender PH (1995) Attention Deficit-/Hyperactivity
Disorder in Adults. Oxford New York
Literatur
 
Lilly Deutschland GmbH
Saalburgstraße 153
61350 Bad Homburg
www.lilly-pharma.de