Geschichte 3
Ein Mann geht durch die Höllen der Abhängigkeit und des Entzuges. Alkohol scheint sein Schicksal zu sein. Doch er ergreift den
sprichwörtlichen Strohhalm und versucht einen Neubeginn. Wer sich auf diesen Einstieg in die innerste Gedankenwelt eines Alkoholikers
eingelassen hat, kann sich dem eigenwilligen, respektlos-zynischen Sprachduktus des Autors kaum entziehen. Goltz läßt den Leser schonungslos
an seinem absoluten Tiefpunkt teilhaben, an dem er weiß, daß sein Leben am Ende ist. In Rückblenden führt er ihn immer wieder zu
Episoden seiner Säuferkarriere zurück. Ohne Schönfärberei und ohne Heischen nach Mitleid und Verständnis beschreibt der Autor die Phasen
seines Entzuges.
Peter Goltz, 1944 in Leslau/Warthegau geboren, begann noch während seiner Schlosserlehre ein Abendstudium zur Erlangung der
Hochschulreife. 1969 schloß er ein Maschinenbaustudium mit dem Ingenieur Diplom ab. Nach mehreren Orts- und Stellenwechseln, einer
gescheiterten Ehe und häufig wechselnden Beziehungen wurde seine rapide fortschreitende Alkoholkrankheit von kontinuierlichem Persönlichkeitszerfall begleitet. Nach einer erfolgreichen Selbsttherapie ist der
alleinerziehende Vater heute als Niederlassungsleiter in einem Baukonzern tätig, gibt in der Freizeit Seminare in T'ai Chi, Ch'uan und Tao-Management. Meetings der Anonymen Alkoholiker sind nach wie vor
wichtiger Bestandteil seines Alltags.
ISBN 3-8280-0143-2 DM/s Fr.14,80 ÖS 115
Frieling - Erfahrungen
Originalausgabe
Vorwort
Dieser kurze Bericht aus meinem Leben als trockener Alkoholiker begann ursprünglich als eine Art Eigentherapie während
der ersten und schwierigsten Zeit der Trockenheit. Die einzelnen Phasen wurden in einem Zeitraum von ca. drei
Jahren durchlebt und ohne einen Zeitplan oder ein Konzept, je nach Bedürfnis aufgeschrieben. Nachdem Freunde mich
ermunterten, diese Gedanken auch anderen Menschen zugänglich zu machen, entstand die vorliegende Struktur.
Oft hatte ich Zweifel, ob das wirklich jemanden interessieren könnte und ob ich nicht viele wichtige Sachen weggelassen
hätte, aber wer weiß schon so genau, was wichtig ist.Ich wünsche mir, daß meine Beschreibung vielleicht doch
irgendeinem vom Alkohol betroffenen Menschen, den entscheidenden Denkanstoß gibt.
Besonders danken möchte ich all den Menschen, deren Liebe, Verständnis und Geduld mir den Start in mein neues Leben
ermöglicht haben, denn da wo der Bericht beginnt, war ich mit meinem Leben am Ende.
Inhaltsverzeichnis
PHASE 1 Destruktion Die Auflösung der Strukturen
PHASE 2 Kapitulation
PHASE 3 Demut
PHASE 4 Hoffnung
PHASE 5 Freundschaft
PHASE 6 Die Zeit der Schmerzen
PHASE 7 Freiheit
PHASE 8 Evelin
PHASE 9 Meine Leute
PHASE 10 Die Tage der Sprachlosigkeit
PHASE 11 Die höhere Macht
PHASE 12 Die Neugründung der Einsamer Wolf Company
PHASE 1 DESTRUKTION
Die Auflösung der Strukturen
Erwachen.
Qualvoll suchen die Neuronen nach der oft gefundenen erlösenden Erkenntnis. Verharren. . . . . . Verharren.
Angestrengte Suche nach verlegten Erinnerungen. Wie
bin ich eigentlich ins Bett gekommen? Was war davor? Erkenntnisprozess. . .
Mit erbarmungsloser Langsamkeit formt sich die Gewißheit: DIESMAL WAR ES KEIN ALPTRAUM.
Gestern war eigentlich ein ganz normaler Tag. Nach zwei durchzechten High-Performance-DAYNIGHTS mußte mal wieder der gute, alte Grippevirus herhalten.
Montags 4 Stunden Autobahnfahrt bis zum Verkaufsmeeting. Normalerweise genau die zur Regeneration nötige Zeit. Natürlich waren die Gedanken an eine Wodkafahne, Restalkohol,
ungepflegte Erscheinung und mangelhafte Vorbereitung nie angenehm. Diesbezügliche Bemerkungen in der Company konnten
aber mit geübtem Charme unter Hinweis auf das streßig-abenteuerlich-verruchte Junggesellenwochenende meist hinlänglich
neutralisiert werden. Aber diesen Montag hatte ich einfach mal wieder verschlafen.
Hatte ich vergessen, den Wecker aufzuziehen, den Weckbetrieb einzustellen oder hatte sich das zarte Klingeln des Weckers
auf dem Weg zu meinem Bewußtsein einfach nur verirrt? Scheißegal.
Wichtig war jetzt erstmal das richtige Timing für die Grippe. Ein Meeting mit 2 Stunden Verspätung gehörte nicht zu
meinem Stil. Da half eben nur eine Grippe. Die starke persönliche Disposition, verschiedene Allergien, das scheußliche
norddeutsche Wetter. Wer da keine Grippe bekam, war entweder schon schwer krank oder einfach nur zu dämlich, um die einzig
richtige Selbstdiagnose zu stellen. Und überhaupt. War das nicht eben ein richtiger Schüttelfrost? Und der schmerzhafte Husten
bei der Goodmorning-Zigarette? Wenn ich jetzt nicht dusche, sondern mit dem kalten Schweiß zwischen Haut und
Jogginganzug rausgehe, könnte das die bisherigen Symptome kaum
verschlimmern.
Das Wesen der Analyse ist die Zergliederung eines Sachverhaltes zur begrifflichen Klärung. Wer analysiert hier eigentlich
wen? Soll ich etwa warten, bis meine Grippe mich zergliedert und sich selbst klärt? No!
So!
Da ich nun endlich genau weiß, daß ich krank bin, ist dringend eine wirksame Therapie angesagt. War da nicht noch ein
klitzekleines Wodkarestchen?
LEVELCONTROLOUTPUT:
0,1 L ALK - 1,5 h POWER
WARNING ! ! !
IF POWER = 0,5 h GO TO KIOSK OR LADEN
IF POWER = 0,0 ALL SYSTEMS BREAK DOWN
Das bedeutet im Klartext, daß ich mich höllisch beeilen muß, denn die erste Dröhnung (50% der Reserve) reicht gerade für:
- Katzenwäsche
- Firma informieren (leidende, zerkratzte Stimme aufsetzen)
und mit der zweiten Dröhnung (restliche 50%) schaffe ich knapp den Weg zum Laden:
- 0,71 Wodka (Medikament/Betriebsstoff)
- 2,01 Bier (Tarnung/Notration)
-1,51 Cola (Tarnung, Mixbasis)
- Lebensmittel (Tarnung, das Zeugvergammelt meistens)
- sonstiger Mist (Tarnung, wann fällt dieser Alibikauf auf?)
- Ein fast normaler Einkauf - eines fast normalen Bürgers.
Halt, Frau H., da fehlt ja noch Tee, Zucker und Rum gegen die Grippe. Da reicht erstmal eine halbe Flasche. Man säuft das
Zeug ja nicht zum Vergnügen. Nun aber schnell raus. Mann, war das knapp. Adlerrundblick. Klick, Knack.
Aaahh!
Etwas später auf der Matte:
Zwar immer noch umklamrnert von diesem unerträglichen Zeitbrei aus Angst, Zweifeln usw. aktiviere ich einen kläglichen Rest an Willenskraft und nehme
mirr fest vor, demnächst zur Uhr zu sehen, aber meine Gliedmaßen erscheinen mir
gleichzeitig unsagbar schwer, als auch entstofflicht.Warum bewege ich mich nicht, obwohl ich es doch will.Das Gehirn bequemt sich noch zu einigen trägen Denkrülpsern
und ich frage mich, warum ich meinen Anweisungen nicht folge. "Du bist ein versoffener, willenloser Schlappschwanz".
"Nein, du bist krank und das ist der Kreislauf", streite ich mich mit mir herurm.
Was oder wer ich hierbei bin bzw. wer hier weiß wo's lang-
geht, bleibt im Dunkeln. Freundliche Grüße an Freud und seine
Spießgesellen. Dop. . . dop. . . dop. Irgendeine innere Uhr tropft ihre Einheiten in die lähmende Dämmerung und hält mich in dem
Glauben, daß ich noch lebe. Plötzlich, wie der Blitz aus heiterem Himmel durchzuckt mich die Wahrheit über meine Leiden.
Ich habe Durst! Einen wahnsinnigen Durst. Ganz einfach Durst. Durst auf einen Wodka-Longdrink,
halbe- halbe mit Cola. Allein der Gedanke an Wodka pur bringt mich seit einigen Monaten fast zum Kotzen.
Verdammt, muß wohl aufstehen, weil alles auf dem Tisch steht. Mist Glas wieder übersehen. . . Rest auf Teppichboden :. .
sowieso schon Flecken. . . Glas gerettet.
Egal. Diese letzten Minuten und auch der ganze Vormittag passen überhaupt nicht in meine Wunschtraumvorstellung über
kontrollierte Vorgänge. Na, immerhin beim Saufen habe ich alles unter meiner festen Kontrolle oder wie man so sagt: "Fest
im Griff.
Ritual: Mit gestrecktem Arm hält die rechte Hand das Glas "fest im Griff" und hebt es zur
wohlgefàlligen Betrachtung in Augenhöhe.
Während das herangeführte Glas ein zärtliches Spiel mit den Lippen aufnimmt, rinnt die neue
Lebenskraft über Zunge und Gaumen.
Die milde Würze gibt den Impuls zur Öffnung der Schleusen, so daß eine wohltuende, aber mächtige Gefühlsflut die
ausgedorrten Gehirnwindungen benetzt. Wenn solch ein köstliches Elektrolyt die Denkschleifen und Knoten vergoldet, schlagen
die Neuronen Purzelbaum.
"Kein schöner Land in dieser Zeit". Anders mag ich diesen Abhebezustand heute nicht beschreiben. 2 Wodka 10
Zigaretten später brauche ich aber echt ein Päuschen, denn die geschäftlichen 4 oder 5 mehr oder minder wichtigen Telefonate
haben mich so richtig fertiggemacht. Aber nun wissen einige Leute mehr, daß ich ein Held der
Arbeit bin. Von so einer Allerweltsgrippe lasse ich mich doch nicht von meiner geliebten Arbeit abhalten. Seht nur, seht!
Bei mir dauert eine Grippe so lange, wie bei anderen Leuten ein blauer Montag.
"Na, hallo mein Schatz". Von wo rufst du denn an. "So, so, krank bist du", tjaa..., zu Dir kommen kann ich leider nicht, du
weißt ja, Konferenzen, Zeugnisse und so weiter, nee, also 'ne Grippe kann ich mir so kurz vor den Ferien wirklich nicht
leisten". "Nein, das geht heute echt nicht, außerdem hab ich mich mit ein paar Weibern verabredet". "Ach, die kennst du doch
nicht, hab' ich von der Anzeige noch überbehalten". "Wir treffen uns in der 'Sophie' und gehen später vielleicht zu Mecki's
oder woanders hin".
"Ja, danke, kurier dich lieber erst mal richtig aus. Du weißt doch, heiß baden, kräftigen Grog und geile Träume. Du mußt
doch bis zum Urlaub wieder fit sein". "Ja, o.k. geht klar, ja, und es wird wohl etwas später". "Ja, gut, also bis die Tage und
gute Besserung. Tschüß mein Schatz". Klick, Tütt-tütttütt!
Karins Vorschlag klingt eigentlich gar nicht so dumm. Ein heißes Vollbad mit wohlriechigem garniert und einen
ordentlichen steifen Grog, das hilft dem müden Vater wieder auf die Beine. Scheiß Eifersucht. Vielleicht kann ich ja durchschlafen und
muß nicht die ganze Nacht rumgeistern. Liebe ist es ja schon lange nicht mehr, aber die Vorstellung, daß dieses geile Weib
mit so einem miesen, dahergelaufenen Aufreißer rumvögelt, macht mich total verrückt, aber was soll's, kann ich nicht ändern. Bei nächster Gelegenheit mache ich sowieso mal wieder
Schluß. Ich weiß ja kaum noch, wie andere Mädchen aussehen. Mal sehn, vielleicht träum' ich ja nachher wieder mal eine
richtige versaute Orgie.
Das ist beinahe so gut wie echt und man kriegt davon kein AIDS. HA HA! Ja nun, gelernt ist eben gelernt und im
Traumtanzen war ich schon immer große Klasse, von ganz klein an. So, und nun Schluß mit dem geistigen Dünnschiß
und zur Tat geschritten.
Finsternis, dumpfe, nasse, kalte Finsternis, die mich völlig umpreßt und mich innerlich bis in die letzte unwichtige Zelle
durchweicht. Ich bin eingesperrt, für immer gefangen in dieser furchtbaren dunklen Finsternis. Meine Seele schreit vor
Schmerz und Verzweiflung über den aussichtslosen Kampf, sich aus dieser tödlichen Umklammerung zu entreißen. Der
winzig kleine helle Punkt ist viel zu weit entfernt, um eine
Hoffnung zu sein und meine Seele ist vom ständigen, von der Dunkelheit mit unerbittlicher Härte geführten Kampf bis auf
die Haut erschöpft. Bei dem allerkleinsten Widerstand, einem Fünkchen Aufbegehren, verstärkt sich der Druck nur noch.
Wohin soll ich ausweichen, diesen Qualen entfliehen. Welche Belastungen erträgt eine Seele, bevor sie sich unter dieser Höllenpein in ihre kleinsten Quanten auflöst und in der endlosen
Dunkelheit verliert? Barmherziger Buddha?! Flucht in die Realwelt.
Panik: Alkohol und Zigaretten fehlen.
Betrachtung über den Verlust der Selbstachtung.
HELP.
Ich schwimme in meinem kalten Schweiß und suche mit frösteln die Zeit. - Zweiundzwanziguhrvierundvierzig.
Nach diesem Traum, der mich in letzter Zeit öfter beglückt, fühle ich mich
jedesmal wie 90 kg Gehacktes mit schlechten Chancen, wieder zur alten Ordnung zu finden.
Da hilft am besten ein Gläschen Standardmischung mit einigen Kippchen. Verflixt, lange hält der Vorrat aber nicht gerade
- wo ich jetzt hellwach bin und die Nacht verdammt lang werden kann. Hab mich einfach noch nicht auf den höheren
Grundumsatz eingestellt, und wenn ich mich jetzt nicht beeile, ist der Kiosk geschlossen und ich muß zur Tankstelle.
Brieftasche, Schlüssel, ab die Post. . . stop, besser ich zieh' noch die Jacke über den Schüttelfrost - komisch, manchmal muß man
auch die einfachsten Dinge organisieren, planen, vorbereiten: Kämmen kann ich mich ja während der Fahrt, sonst wird's
einfach zu knapp mit der Zeit.
Pech gehabt, der Stammkiosk ist wieder überpünktlich. Was soll's, elegante Wende, neue Zielansprache und weiter. Nach
einer bangen Minute stehe ich am Tresen und bete mein Sprüchlein her: "Drei kleine Wodka, Camel Filter und sonst
gar nichts", macht Zwölfzwanzig, bitte, danke und ab nach Hause. Nun kann die Nacht mit ihren heimtückischen Gefahren
überlistet werden, da jetzt Stoff für bis zum Umfallen da ist. Prost! Ein Schlückchen bis zur Haustür stabilisiert den
Durchblick.
Das kann ja wohl nicht wahr sein, oder sind das wirklich zwei Jungbullen, die hinter mir auf der Straße halten und gerade
aussteigen.
Obwohl die Situation nichts Neues mehr hat, bin schließlich schon öfter mit einem leichten Kick kontrolliert worden,
schleicht sich trotzdem diese beamtenkuschige Bürgerbeklemmung ins Gemüt.
Procedure:
Die Beteiligten haben die jeweilige Rolle gut gelernt und das Stück schon oft gespielt. Also los:
"The show must go on."
"Guten Abend, Verkehrskontrolle, Ihre Papiere bitte,
(Schnupper, Schnupper)".
"Moment, so, da sind sie ja, hier bitte. "Hmm. . . in Ordnung, haben Sie Alkohol getrunken?" "Ja, hier auf dem
Parkplatz einen Schluck, und dann vor ca. fünf Stunden ein wenig."
"So, so, dann sind Sie ja sicher auch mit einem Alcotest einverstanden. Hier blasen Sie jetzt mal kräftig und gleichmäßig rein, bis der Beutel voll ist."
"Aber gern, obwohl das garantiert nichts einbringt. Puu. . .st, hier bitte."
Unerwarteterweise nimmt das Spiel jedoch einen ungewohnten Verlauf, denn entgegen aller Erfahrung zieht sich die
Obrigkeit zur Beratung zurück. Wer hat denn hier im Drehbuch rumgepfuscht?
"Tjaa.....h, Herr Goltz, wie das hier aussieht, müssen wir Sie zur Wache mitnehmen und einen genaueren Test machen, denn
über 0,8 haben Sie auf jeden Fall."
Eins muß man wirklich zugeben, nett sind die Jungs ja, aber warum sind die denn zu blöd, um mit ihrem eigenen Spielzeug
richtig umzugehen? Lachhaft. Ich, der immer Allesimgrifthabende, immer kontrolliert saufende Sonderspezialalki soll wohl
verarscht werden. Was der Bursche da erzählt, KANN JA GAR NICHT SEIN. Aber auch eine zweite Blasaktion führt mich nicht zurück in
die Freiheit der Nacht. Ja, so ist das nun mal im Leben. Die noch vor wenigen Minuten so völlig beschissene Perspektive
auf eine einsame lange Nacht gewinnt in Konkurrenz mit der neuen Entwicklung zusehends an Attraktivität.Was passiert hier eigentlich, wenn ich tatsächlich - warum
auch immer - ein wenig über dem Limit liege? Zugegeben, dieser Fall war in den bisherigen Saufplänen nicht näher
untersucht worden. Da ging es mir ähnlich wie den Kernkraftfreaks, die zwar einen GAU oder gar einen SUPERGAU rein
statistisch nicht ausschließen wollen, ihn aber bequemerweise mit ihren hervorragenden Wissenschaftlern und hypermodernen
Computerschadenswahrscheinlichkeitsprogrammen in eine ferne, fast schon unwirkliche Zukunft wegrechnen. Wen juckt
es denn, wenn uns in 10.000 Jahren ein Reaktor um die Ohren
fliegen will. Na und, dann schalten wir ihn eben eine kurze Zeit vorher ab.
So einfach ist das mit der Wahrheit in unserer Zeit. Tschernobyl??? Diese Bruchbude ein Reaktor??? Das kann BEI UNS
DOCH NICHT passieren. Oder doch?
Der Kollege POM (Polizeiobermeister) Wolters scheint mich ja für einen Typen vom Geheimdienst zu halten, oder wer sonst
soll wissen, was sich hinter der verschlüsselten Botschaft BAK 1.34 verbirgt, die er mir grinsend hinhält. Ob der Mann bei der
Polizei ist, um seine sadistischen Triebe zu befriedigen, kann ich nicht mehr klären, denn mir erstarrt das Erstaunen, als er
mir den Schrieb übersetzt und ich muß wohl dreinschauen wie eine Kuh, die grad ihre Unschuld verliert.
"Herr Goltz, wir müssen zur Sicherheit einen medizinischen
Test machen und eine Blutprobe entnehmen. Eins ist aber schon sicher, Ihren Führerschein sind sie erstmal los."
Mit betörender Sanftheit wird meine sichtbare Hülle wieder dem Kreislauf zugeschaltet und die Erstarrung zerfließt in einen
neuen indifferenten Zustand. Wir grübeln noch darüber nach, welche Rolle der große Regisseur für uns in diesem üblen Spiel
bereithält, als der POM mit seiner Schreibmaschine die Betrachtung zerhackt.
"Nun nehmen wir erstmal die Personalien auf." Der herbeigerufene diensthabende Arzt ist eine Ärztin, die aus ihrem Mißfallen über meine Person und die ganzen Unannehmlichkeiten
hier auf der Wache überhaupt keinen Hehl macht. Aus welcher wichtigen oder haarsträubenden Zeitgestaltung ist die Dame
denn bloß herausgerissen worden, und das alles nur, um so einem verdarnmten Saufkopp wie mir das Blut herauszusaugen.
Ist das nur Verachtung in ihrem Blick oder blitzt es da nicht schon gelegentlich höhnisch auf?
Na warte nur mein Schätzchen, der gute alte Pitti hat bisher noch jeden Test geschafft. Ob das nun ein gewonnenes
Mitternachtsschachspiel mit Wodka gegen Winfried war, ober eben mal ein Kopfstand mit anschließenden 50 Wettliegestützen
gegen die anderen Gäste einer auf dem Höhepunkt dahinzischenden Party. Old Pitti hatte doch die Nase stets vorn, man konnte halt
schon immer bärenmäßig saufen. Das konnte nur die Leistung steigern und sorgte auch beim Vögeln für den, bei den Damen
so beliebten letzten Kick. Und ihr Trantüten wollt mir nun mit euren Spielchen meine Fahruntüchtigkeit nachweisen wie?
Nun denn, viel Spaß dabei.
Die Ärztin füllt den Bogen akribisch aus, packt ihre Utensilien mit geübten Griffen in die Notarzttasche und verläßt den
Schauplatz mit einer derart unverschämten Gleichgültigkeit, daß ich mich wahnsinnig zusammenreißen muß, um ihr nicht
die übelsten Beschimpfungen hinterherzuschleudern. "Mann, bleib jetzt bloß cool!", beinahe hätte ich durch einen
unbeherrschten, in solchen Situationen aber üblichen Standardtemperamentsausbruch die gute Testbeurteilung in Gefahr
gebracht.Was soll's, immerhin hatte ich sie ja schon um ihre erhoffte
Schadenfreue bet.rogen, das muß für heute reichen.Während die Ärztin den Raum verläßt, zieht sie die letzten
Schwaden von - wenn auch mieser - Menschlichkeit hinter sich her und überläßt mich der in das entstandene Vakuum
nachdrängenden Sachlichkeit meiner Umgebung.
Einmal selbst durchschütteln!
Puuh, geschafft, bei diesem Testergebnis mußten die BAK-Werte einfach auf eine Fehlmessung beruhen. Das würden die
Ergebnisse der Blutprobe ja recht bald beweisen. Mit dem Öffnen der Tür des herbeigerufenen Taxis hatte
mich die Freiheit endlich wieder zurück. Das Hineingleiten in die Polster und der Griff in die Jackentasche waren eine
einheitliche kunstvoll fließende Bewegung.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie ein Mensch durch häufige Wiederholung von Verrichtungen konditioniert werden kann.
So eine geile Taxifahrt hatte ich auch schon lange nicht mehr. Der ganze Nervenfrust der letzten 67 Minuten war mit
dem ersten Schwall aus dem Flachmann hinweggespült.
WHOW!
War das mal wieder ein Superdrive für Gehirn und Gemüt. Wenn ich jetzt bloß jemanden hätte, um über den versauten
Abend hinwegzukommen.Anruf bei Heike! Tüt tüüüüt tüüüüüüt. Wenn die erstmal
schläft, kann die Welt untergehen und sie merkt nichts davon.
Also nichts wie ran an die Reserven und ab ins Bettchen.Wer weiß, vielleicht schlaf ich ja doch irgendwann ein.
Verdammt noch mal, was sagte der Sheriff noch gleich, der Lappen ist mindestens ein Jahr weg, wenn das mit dem BAK-Wert so
stimmt. Bloß nicht dran denken, irgendwie kann das doch alles nicht wahr sein. . .
Erwachen.
DIESMAL WAR ES KEIN ALPTRAUM.
PHASE 2
KAPITULATION
So, nun hatte ich es offensichtlich geschafft! Endlich, und mit einer stillosen Gewöhnlichkeit hatte ich aller Welt und mir
selbst bewiesen, wie saublöd ich wirklich war. Die Erinnerung an die ständigen Lügen und Selbstbetrügereien, die tausendfachen Beteuerungen alles im Griff zu haben
und nur aus purer Freude am Leben und natürlich voller Genuß diese Unmengen Sprit zu saufen stürzte auf mich ein, als
wollte sich jedes auch noch so kleine diesbezügliche Gedankensplitterchen unverrückbar in meine Gehirnrinde hineinbohren.
Lügen haben kurze Beine, das hatte man mir soweit ich weiß schon sehr früh mit fragwürdigem Erfolg einzubleuen versucht.Was soll man sich unter solchem Kindergeschwätz
eigentlich vorstellen?
Hätte mir jemand erzählt, daß eine bedeutsame Lüge, wie eine "Leiche im Keller" dich dein ganzes Leben lang verfolgt,
bei der geringsten Assoziationsmöglichkeit immer wieder überfällt, umklammert und an deiner Seele frißt, ich hätte so
manches Mal lieber einen Eimer Scheiße runterwürgen sollen anstatt zu lügen.
Wer hätte schon auch nur im Entferntesten daran gedacht, daß positives Denken einen Menschen bis in die Fasern zerstören
kann. "THINK POSITIVE ist doch die neue, überall verkündete Heilsbotschaft für die Legionen "warumauchimmer"
kaputten Vögel.
Denk dir einfach, du bist der Größte, du kannst alles meistern, Probleme kuschen sich vor dir wie getretene Hunde, denk
dir einfach: "Wie ich glaube, so geschieht es". Alle möglichen wohlmeinenden Verwandten, Freunde und
was weiß ich für Leute sind spießig und fristen in ihrer dumpfen Unwissenheit ein freudloses, jammervolles Dasein, nur du
selbst, in deiner allumfassenden Klugheit weißt, worauf es ankommt. Du hast es doch den Mahnern und Kritikern
bewiesen. Ein wenig in "Allan Watts" herumstudiert, gelegentlich ein Quäntchen Meditation und schon flippt man auf dem
totalen Egotrip. Als Zugabe gibt's eben noch schnell eine mittlere Erleuchtung und wenn du dann bei deiner Zwischenbilanz
feststellst, daß du eigentlich noch nicht reif bist für die Erkenntnis und ja viel lieber noch intensiver als bisher weiter
dahinvegetieren willst, dann ist das eben eine aus tiefer Weisheit getroffene
Entscheidung. Genug der Ironie.
Gegen die sich düster zusammenbrauenden Zukunftsvisionen helfen jetzt keine bitteren Selbstvorwürfe, notfalls höchstens
eine Portion Selbstmitleid nach dem Motto: "Warum muß gerade mir sowas Schlimmes passieren?"
Scheiße auch, das Chaos ist zu undurchdringlich, um auch nur einen Ansatz zur Problemlösung zu finden. STOP, schnell
Notschalter betätigen, bevor alles verschmort.
Die Überlebenssoftware bringt das kurzschlußverhindernde
Sicherungsprogramm zum Einsatz:
-> Katzenwäsche
-> Minimal-outfit
-> Kurzmimik vor dem Spiegel
Was soll eigentlich der ganze Aufwand, hinter dieser aufgedunsenen, von geplatzten Äderchen durchzogenen und von müden,
mit Tränensäcken behangenen Augen verunstalteten Physiognomie wird mich sowieso keiner vermuten, geschweige denn
erkennen.
Die erste Dröhnung wirkt wie eine Wunderdroge, da jetzt anstatt der allgegenwärtigen Routine eine völlig neue und
besonders teuflische Verunsicherung ausgehebelt werden muß. Das Chaos in meinem Kopf beginnt sich, von willkürlichen
Keimen ausgehend zu kristallisieren und zu Gedankengittern zu ordnen. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich nun erstaunt bin oder auch
nicht, aber als Ergebnis dieser ganzen Anstrengung bleibt nur der eine Gedanke übrig: Und was nun?
Meine ganze Existenz hängt doch von diesem Job ab. Bei welcher anderen Tätigkeit könnte ich denn einerseits ein
ausreichendes Einkommen für meine Ausgaben erzielen und andererseits so bequem den ganzen Tag durchsaufen?
Und in meinem derzeitigen Zustand, wer würde denn überhaupt auch nur das geringste Interesse an mir und erst recht an meiner
Arbeitskraft haben. Ohne Führerschein bist du heutzutage schlimmer dran, als ein beinamputierter Schwachkopf. Fast
befürchte ich, daß selbst der heruntergekommenste Penner nach kritischer Prüfung eine milde Gabe von mir ablehnen würde. Ich fühle mich plötzlich wie der letzte Dreck. Der bisher
krampfhaft verdrängte Gedanke an den in den letzten Jahren für mich wichtigsten Menschen treibt mir den panischen
Angstschweiß über den ganzen Körper und nur eine einzige Frage bleibt in dem Durcheinander stehen.Wie finde ich bloß einen Weg aus diesem gewaltigen Haufen
Scheiße, ohne daß der kümmerliche Rest meines Umfeldes mich auch noch fallen läßt und ich völlig haltlos werde? Wenn ich nun auf der gewohnten Schiene zur Problemlösung noch einen kräftigen Schluck trinke, dann ist nur eins
gewiß, nämlich, daß der Haufen immer größer wird. Trotz dieser Erkenntnis oder gerade weil ich um die Hoffnungslosigkeit
meiner Situation weiß, stürze ich hastig einen großen, gierigen Schluck weg.
Aus welchen kleinsten Einheiten baut sich die Zeit auf? Läßt sich Zeit denn überhaupt messen wie zum Beispiel eine
Wegstrecke? Wenn es nach meiner Uhr ginge, hockte ich jetzt schon seit einer guten Stunde am Schreibtisch, ohne daß auch
nur das geringste passiert wäre.
Welchen Namen kann ich dem entstandenen Zeitverlust geben.Mein Gehirn wehrt sich, auch nur den kleinsten Gedanken
aufzunehmen und weiter zu verarbeiten. Ist das der vielzitierte geistige Dünnschiß? Wie war das noch in der Werbung von den
Gelben Seiten? Man schlug einfach nach und prompt war für jeden Bedarf Hilfe parat. Wer konnte mir denn überhaupt noch
helfen? Mein ganzes Leben lang hatte ich immer und zu jederrnann meine Unabhängigkeit herausgestellt.
Warum, um alles auf der Welt, sollte ich denn Hilfe brauchen, ich, der doch sowieso alles - und außerdem noch besser-
selbst machen konnte? Von meiner ganzen, jahrelang aufgebauschten Autarkie war nur noch ein kümmerliches Häufchen Elend übriggeblieben.
Wie war das eigentlich im November letzten Jahres gewesen?
In der Reuephase nach einem Totalabsturz hatte ich damals mehr aus akademischem Interesse die AA-Nummer
herausgesucht und in der Kontaktstelle angerufen. Wäre ja mal interessant herauszufinden, wie die Saufbrüder aus der Passarelle oder
vom Kiosk in geselliger Runde ihren Umtrunk kultivieren und versuchen, ihr Laster mit frommen Sprüchen zu bekämpfen.
Diese Brüder waren mir schon immer suspekt und als der Typ am Telefon auch noch auf ein sogenanntes Meeting in zwei
Tagen hinwies, war ich eigentlich ganz froh, daß Karin sich auf dem anderen Apparat einklinkte und zu einem netten Abend
einlud. Und als Sie später in einer Kampfpause mein lockeres, coo-
les Wesen und meine Standfesúgkeit bewunderte, war der ganze böse Spuk mit den Alkis restlos vergessen.Oh Mann, jetzt hänge ich hier 'rum und stoße bei meiner
wirren Suche nach einem Rettungsanker ausgerechnet wieder und ausschließlich auf diesen Saufclub.
Wie sollen diese kaputten Jungs mir denn helfen? Da kann ich mich ja gleich mit 'ner Flasche Schluck im Gepäck
dazugesellen - geteiltes Leid ist halbes Leid - und dort das Nirwana suchen.
Das Telefon steht völlig cool und rot vor mir. Wie war das noch mal? Telefonnummern findet man unter dem
Anfangsbuchstaben im Telefonbuch. Obwohl der Ablauf an sich klar und einfach vorgegeben ist, aber heute bring ich es nicht über
mich, das Nötige zu tun.
Verdammt, das wäre ja die totale Kapitulation. Bisher hatte ich doch immer genug Charakter den Kram in den Griff zu
kriegen. Und warum sollte das gerade diesmal nicht so sein.Ich nehme mir einfach fest vor, nicht mehr zu saufen
Jedenfalls spätestens ab morgen früh, denn heute ist der Tag ja sowieso schon fast gelaufen. Ohne daß ich sagen kann ab wann es
losging, aber plötzlich ist mir eiskalt und ich zittere am ganzen Körper. Die nackte Angst hat mich wieder gepackt und kriecht
in mich hinein und durch mich hindurch.
Diesmal ist die Situation aber, Teufel noch mal - völlig anders. Wie konnte ich das bloß vergessen.
Das Rufzeichen schien mir schon eine Ewigkeit zu dauern und ich hatte diese Ewigkeit durch nur einen Gedanken im Kopf,
nämlich, daß diesmal bitte kein Anrutbeantworter eingeschaltet sein sollte.
"Hallo, hier ist die Kontaktstelle der Anonymen Alkoholiker",
meldete sich eine freundliche, frisch klingende Stimme.
"Ich heiße Rudi und bin Alkoholiker, wie kann ich Dir
helfen?"
Noch nie hatte ich mich über eine menschliche Stimme derartig gefreut. In dieser Stimme hörte ich die Antworten auf alle
meine Fragen, ohne diese je gestellt zu haben.Woher soll ich jetzt noch wissen, was ich Rudi alles erzählt
habe, aber seine Geduld beim Zuhören muß wohl wirklich arg strapaziert worden sein, denn mitten in meinen Redefluß hinein
warf er seine gnadenlose Feststellung, daß er mir weder meinen Führerschein wieder beschaffen, noch daß er mir meinen
Arbeitsplatz erhalten könne und überhaupt seien das alles nachgeordnete Probleme, die ich irgendwie selber klarkriegen müßte.Er war knapp, aber freundlich. "Hör zu", sagte er "wenn Du
wirklich mit dem Saufen aufhören willst, dann sattel die Hühner und geh jetzt sofort ins Meeting. Ich bin übrigens auch da".
Meine zaghaften Einwände, daß ich ja ohne Auto nicht weg könnte, wischte Rudi einfach beiseite."Quatsch nicht lange 'rum", sagte er nur, "beeil dich und
komm sofort ins Meeting."
Stell Dir vor, Du bist Hauptdarsteller in einem Alptraum.
Der Lindener Markt und alle Statisten, die da rumschwirren sind nicht real, sondern nur aufgebaut und aufgeboten, um mir bei
meinem Gang nach Canossa eine Kulisse zu geben und mich mit ihren verächtlichen Blicken und höhnischem Grinsen zu
verfolgen.Zum Beispiel dieses gutaussehende, junge Paar, das gerade vom Motorrad steigt und anscheinend wie zufällig in meine
Richtung einschwenkte. Die meinen wohl, ich hätte nicht gemerkt, daß die wissen, wo ich hin will und daß sie heimlich
darüber tuscheln. Und dieser Managertyp, der ebenfalls rein zufällig in meine Richtung geht. Wie soll ich da bei diesen vielen
Lauschern und Lunzern einen unauffälligen Blick auf die Hausnummern riskieren? Also, dieses Haus kann es wohl nicht sein,
denn da gehen gerade die jungen Leute rein. Der Manager auch,
also reine Luft für die Orientierung. Moment mal, was soll das, hatte ich mich etwa in
der Hausnummer geirrt? Der Alkiclub sollte in der 23 sein, wo die drei gerade reingegangen waren. Na klar, die Straße war
verkehrt, also noch mal von vorn.
Irgendwie paßte es aber doch, als ich mit unsicheren Schritten ohne einen Blick zur Seite zu werfen, die Eingangstreppe zur
besagten Nr. 23 hochsteige. Das ist imrnerhin schon der Anfang vom Ende oder auch umgekehrt. Da richten sich Blicke
auf dich, suchen ein Erkennen und fallen wieder von dir ab wie Herbstlaub bei Windstille. Pech gehabt ihr Sonntagsschüler,
eure Bibelstunde werde ich aber gewiß nicht beehren.
Anstatt spontan das Meeting zu finden, fühle ich mich hier völlig verkehrt. Der falsche Mann, zur falschen Zeit, am falschen
Ort.
"Hörn Se mal", nee, so geht das hier wohl nicht, lieber eine Note freundlicher: "Entschuldigen Sie bitte, wo ist denn hier so
ein Meeting?" Das Wort Meeting fällt mir etwa so leicht, als wenn ich nach dem "Darkroom für Arschficker" gefragt hätte.
Die Dame sieht wirklich scharf aus. Wenn so was bei den Anonymen wäre, würde wohl manch einer mehr zum
Saufunterricht gehen.
"Da bist Du hier schon richtig", haucht die Traumfrau mich an, "und ich heiße übrigens Ulrike."
"Ulrike", kann ich gerade noch denken und schon stehe ich in der Tür eines Versammlungsraumes, wo um einen langen
Tisch Grüppchen sitzen oder stehen und sich teils mit irgend-
welchen organisatorischen Dingen beschäftigen oder einfach nur klönen.
Mann, jetzt brauch ich irgendeinen Halt, irgendetwas Vertrautes, sonst versinke ich vor all den Leuten in den Boden. "Hat
einer von Euch heut Abend den Rudi schon gesehen?", platze ich in eine Gruppe rein. "Na klar", sagte der gutaussehende
Knabe vom Marktplatz, "der Motorrad-Rudi bin ich ja selbst, und der Kontaktstellen-Rudi wollte heute
auf jeden Fall kommen, wegen der Probleme am Kontaktstellentelefon. Na, du wirst schon sehen" und dreht sich mit einem freundlichen Lächeln den anderen Leuten zu.Irgendwie verwirrt mich die Erkenntnis. Unter all diesen
Leuten hier im Raum befindet sich offensichtlich außer mir nicht ein einziger Alkoholiker. Jedenfalls wenn man nach dem
Aussehen geht.
Diese Männlein und Weiblein haben alle ein herzerfrischendes Wesen, sind gut gekleidet und auch nicht ein einziger hat bisher
seinen Flachmann erkennen lassen, geschweige denn, einen Hieb genommen. Wenn das aber alles nur ehrenamtliche Helfer oder sowas
ähnliches sind, verpisse ich mich auf der Stelle, den soviel Nächstenliebe kann ich selbst heute nicht ab.
Kommt endlich rein, wir wollen jetzt anfangen", ruft ein älterer Knabe vom Tisch aus. Der Mann ist bestimmt ein
Gymnasiallehrer oder so, jedenfalls ist man offensichtlich gewohnt, Anweisungen zu geben, die auch befolgt werden.
Der Oberlehrer verliest einen Text, den ich nicht aufnehmen kann, den ich auch nicht verstehe, da er nicht für mich
bestimmt scheint. Plötzlich nennt er einen Vornamen und der Betreffende ergreift das Wort, indem er sich nochmals mit
Vornamen vorstellt und wie beiläufig zusetzt, daß er Akoholiker ist. Das finde ich dann auch ganz schön mutig und offen, bei so
vielen Zuhörern. In die empfängnisbereite Stille hinein fließt ein Strom von Gedanken, Gefühlen, Ängsten und Freuden. Mir ist, als ob hier
nicht ein Mensch von sich berichtet, sondern, daß ich unmittelbar und ohne leere Worte an seinen Erinnerungen teilhabe.
Der mentale Fluß ändert von Zeit zu Zeit seine Richtung oder
seine Geschwindigkeit ohne auch nur im geringsten unterbrochen zu werden. Und ich schwimme mit in diesem Strom,
nein, ich bin ein Teil dieses Stroms, denn alle diese Emotionen sind meine eigenen, habe ich selbst zigmal durchlebt.
Hier schildern fremde Menschen meine eigene Karriere, die mich nun hierher geführt hat. Während der aufeinanderfolgenden
Einzelbeiträge wird mein Herz immer schwerer.
Wie ein Gefäß, in das unermüdliche Arbeiter ihre Amphoren entleeren erfüllt sich meine Seele mit tiefer Trauer über das
Gehörte, da ich in all dem Leid immer wieder nur mich selbst wiedererkenne. Mehr und mehr verstärkt sich das Bedürfnis, den
anderen auch von mir zu erzählen, von meinen unzähligen Selbstverleugnungen und von meinen Gefühlen, die ich gerade
jetzt habe. "Ich möchte gern auch etwas sagen", dränge ich die Unruhe nach dem Ende der letzten Wortmeldung ein wenig zurück.
"Weißt Du, dies war eben eigentlich schon das Schlußwort aber da Du anscheinend das erste Mal im Meeting bist, sollst
Du nun das allerletzte Wort haben", läßt der Sprecher sich vernehmen, "sag deinen Vornamen und dann leg los." "Ich heiße
Peter", höre ich mich sagen und spüre die Blicke jedes Einzelnen auf meinem Gesicht, auf meinen Haaren, auf meiner Haut.
Es ist, als warteten alle nur begierig darauf, etwas von mir zu erfahren. Wie war das noch, Alkoholiker?, alle hatten sich
bisher mit Vornamen und dem Bekenntnis Alkoholiker zu sein,
vorgestellt.
Mit brutaler Gewalt drängt mein Ego die beschwörende Formel zurück und entreißt den erwartungsvollen Zuhörern den
erhofften Ohrenschmaus. Nein! Ich nicht, ich bin... Fast den Tränen nahe, erinnere ich mich an das gemeinsam Erlebte und
ohne eigenen Willen formen sich die Worte mit erstickender, brüchiger Stimme füllt mein Bekenntnis den Raum "und ich
bin Alkoholiker."
Plötzlich bricht es aus mir heraus, wie bei einem noch nie erlebten, nicht enden wollenden Superorgasmus, aber nicht mit
der erruptiven Gewalt eines Vulkanausbruchs, sondern wie ein heißer Lavastrom, der der gequälten Erdschale Linderung
verschafft und von dem schmerzenden Druck entlastest. Als ob meine Stimmbänder von einer immer schwächer werdenden
Batterie betrieben würden, verstumme ich zwischendurch immer wieder. Die Gewalt der Erinnerungen, die unsagbare Trauer über
mein bisheriges Leben zwängt mir die Brust zusammen. Der Kloß im Hals wird immer größer und läßt sich nicht mehr
runterschlucken. Meine Gedanken sprechen noch, aber meine leisen, heiseren, nassen Worte kann keiner mehr verstehen.
Vielen Dank fürs Zuhören", quetsche ich mit letzter Anstrengung heraus.
Die Kapitulation hat nunmehr einen Namen.
PHASE 3
DEMUT
Bis hierher hat mich Gott geführt,
in allen seinen Gnaden. . .
Chor der Strafgefangenen in der JVA.
Mein Zynismus wühlt sich aus dem emotionalen Gewaber des ersten Meetings wieder an die Bewußtseinsobertläche und der
Gedanke daran, daß ich mir für den Heimweg wieder so ein Scheißtaxi nehmen muß, bringt mich so richtig in Stimmung.
Auch der Umstand, daß mich so ein wahnsinniger Spießer von der Seite anquatscht und mir freundlicherweise anbietet, mich in
seinem - na und - Mercedes mitzunehmen. Merkt der Bursche denn nicht, daß ich selbst mit so einem Luxusgeschöpf liiert
bin und es nur für einige Zeit nicht fahren darf. Seine penetrante Freundlichkeit trieft mir derart ins Gemüt,
daß ich am liebsten mit einer groben Bemerkung ablehnen möchte. Dann aber siegen Geiz und Bequemlichkeit und ich
lasse gönnerhaft ein "na ja, wenn es Ihnen nichts ausmacht", vernehmen. Die Fahrt vergeht wie im Flug und als wir bei mir
ankommen, weiß ich, daß Heinrich vor wenigen Wochen ebenfalls das erste Mal im Meeting war und daß er vorher auch ganz übel in
der Scheiße gesteckt hat.
Natürlich völlig anders als bei mir, aber immerhin. Irgendwie will ich ihm noch zuhören, und obwohl es mir als Zeichen von
Schwäche erscheint, frage ich, ob er noch ein paar Minuten Zeit für mich hat. Wann hat es sowas schon mal gegeben, der
völlig unabhängige Meister, der immer alles selber konnte, der die Hilfe anderer Menschen verachtete und ablehnte, saß nun
neben einem alten Suftkopp, der ständig wiederholte, daß es die erste Zeit am allerwichtigsten sei, ständig große Mengen
Wasser zu trinken. Ja, kann sich denn dieser Ignorant wirklich nicht vorstellen,
daß ich in den letzten Jahren nicht ein einziges alkoholfreies Getränk zu mir genommen habe. Wie komme ich denn dazu,
plötzlich Wasser zu trinken, in großen Mengen sogar, wie er es für nötig erachtet.
Ob es nun die Tränen der Verzweifelung sind, die ich unterdrücke oder die Wut darüber, daß gerade mir das mit dem Führerschein passieren mußte.
Das gibt doch außer mir noch genug andere Idioten, die das viel eher verdient hätten als ich.
Da gibt es doch Leute, die erzählen Dir, daß wenn du den Zehnten deines bereinigten Einkommens den Bedürftigen
spenden, Du von Gott auch entsprechend belohnt wirst. Ja, verdammt noch mal, ist das hier vielleicht der Lohn, daß ich
bereits fast 4.000,- DM auf ein Spendensparkonto eingezahlt
habe? Soll das mein "Gott vergelt's" sein?
Andererseits paßt es mir auch wiederum gut in den Kram, denn die Gültigkeit dieses Gesetzes habe ich ja sowieso infrage
gestellt. Was übrigens auch nichts besonderes ist, da ich ja ohnehin fast alles infrage stelle, was nicht auf meinem eigenen Mist
gewachsen ist.
Ich sitze am Küchentisch und schütte Selterswasser in mich hinein. Die neue Heilsbotschaft liegt in Form von mehreren
Faltblättchen vor mir. Vor wenigen Minuten noch bin ich wie ein frisch gefangener
Wolf in meiner Wohnung herumgelaufen. Die Unruhe zappelt derart durch Knochen und Gelenke, daß es zu verstärkenden und
abmindernden Resonanzen kommt. Im oberen Scheitelpunkt möchte ich am liebsten schreiend rumtoben und den Kopf an
die Wand schmettern. Um überhaupt was zu tun, haue ich mir die dritte Flasche Selters hinter die Binde und kühle den Kopf unter der kalten
Dusche. Mann, begreifst du endlich, was hier los ist? Meine derzeitigen Probleme kommen nicht vom Saufen, sondern vom
Nichtsaufen. Im Nulldurchgang meiner Gefühlsschwingungen haue ich mir den Inhalt der aus dem Saufklub mitgebrachten Traktätchen
in die Gehirnwindungen. Immer schön der Reihe nach, eins nach dem anderen und dann wieder von vorn und dann dasselbe noch einmal und und
und.....
Plötzlich halte ich inne und ein noch nie gefühlter Schmerz zieht mich auseinander, um Platz zu schaffen für das Bildnis
meines bisherigen Lebens. Wie ein Feuerwerk am Himmel tauchen da längst vergessene Dinge aus der Tiefe der Seele auf und
explodieren in aller Deutlichkeit und machen Platz für eine neue Scheiße. Ich kann plötzlich nicht mehr an mich halten. Die bisher
immer wieder verstärkten Dämme können dem unerträglichen Druck nicht mehr standhalten und zerbrechen wie eine
Bauklötzchenmauer unter den Händen eines tobenden Kindes. Ich weine hemmungslos.
Nach dem Versiegen der Tränen bin ich völlig leer. Kannst du dir vorstellen, wie sich ein abgestochener Wasserschlauch
fühlt? In die totale Leere hinein breitet sich eine neue Erfahrung aus. Zum ersten Mal soweit ich mich erinnern kann, bin ich
unglaublich klein, hilflos und schutzbedürftig, doch meine bisherigen Schutzmechanismen funktionieren leider nicht. Ja, eine
Meditation zur Erbauung und Erholung oder zum Loslassen des Geistes in ruhigem Fahrwasser, das ist schon eine tolle Sache.
Nur hier funktioniert das eben nicht. Mit Gummigliedern sinke ich auf die Knie und dann in mich zusammen. Rückgrat, Stolz,
Ehre usw., was sind das nur für fremde Worte. Meine Gedanken kreisen nur noch um das Kernproblem des
Augenblicks. Aber nicht in Gedanken, wie man das ja gelegentlich zuläßt, nein, mit langsamer, aber immer fester werdender
Stimme danke ich Gott für seine Gnade, daß er mich bis auf den Grund meiner Existenz geführt hat.
Ich danke mit ehrlichem Herzen für das Fegefeuer, das ich erfahren durfte, daß mir mitten im Sumpf stehend doch noch die
rettende Hand gereicht wurde. Ich brauche mich nicht mehr selber klein zu machen, denn ich weiß jetzt, daß ich wirklich
ganz, ganz klein bin. Seit der bitteren Erkenntnis, daß ich noch nicht mal mit Alkohol verantwortlich umgehen kann, ist
meine Selbsterhöhung einfach lächerlich. Erst seit ich mir selbst und Gott meine Hilflosigkeit und Schwäche eingestanden
habe, fühle ich endlich wieder einen starken Geist in meine leere Hülle einströmen. Wie sollte dieser Geist jemals Einfluß
finden in ein Gehäuse voller Alkohol? Völlig erschöpft, aber mit dem Wissen der Geborgenheit finde ich die langersehnte
Ruhe. Bevor ich in einen langen, traumlosen Schlaf falle, geht mir ein vor langer Zeit geträumter und immer wieder erinnerter
Traum zum tausendsten Mal durch den Kopf.
"Der Fußweg um den See ist nur mit wenigen Sonntagsnachmittagsspaziergängern garniert. Mit jugendlicher
Leichtigkeit tanze ich mit Christa bunte Pirouetten und schraube sie dabei in die unbewegte trockenkaltwarme Luft. Die Statisten
verblassen und an der Weggabelung lassen wir die Hütte rechts liegen und folgen dem Seeweg bis an die riesige Weide.
Die Leichtigkeit des Seins läßt mich schweben, langsam aber immer höher, bis über den Baumgipfel hinaus. Ein wenig
erstaunt und bedauernd stelle ich fest, daß ich über dem See wieder langsam absinke.
Das Eintauchen erfolgt sanft in der Nähe des Ufers, das ich mit wenigen Schritten durch das brusthohe Wasser erreiche. Bei
dem Versuch, mich mit eigener Kraft aus dem Wasser zu stemmen, durchdringen die spitzen Kristallnadeln, die aus dem
Ufer sprießen, meine Brust. Auf der Suche nach Hilfe blicke ich nach oben und sehe einen mageren, etwa zehnjährigen
Jungen mit kurzen Hosen und unschuldigem, aber allwissendem Blick, der mir seine kleine Hand reicht. Überrascht erkenne ich
mich selbst als Knaben wieder. Obwohl die Kristalle mir die Brust zerfetzen, ziehe ich mich an Land. Ich bin glücklich
darüber, wieder mit mir vereint zu sein und gehe den "Pirouettenweg" nochmals entlang. An der Hütte zögere ich, denn die Tür
steht auf und ein rotes, breiter werdendes Rinnsal fließt auf den Weg. Ich weiß, daß Christa schwerverletzt in einem weißen
Kleid in der Hütte liegt und Hilfe braucht. Aus der Telefonzelle neben der Hütte rufe ich den Notarzt an, aber die
Sprechstundenhilfe wimmelt mich mit dem Hinweis auf einen Termin in 6
Wochen ab. In tiefer Resignation gehe ich den rechten Weg ohne erkennbares Ziel vor Augen."
Die folgenden Tage sind eine unvorstellbare Folter. Stecke dich in einen Sack und schlage dann mit wildgewordenen Knüppeln
auf dich ein. Wenn du dich dann wahllos in der Umgebung ausschüttest, hast du eine Ahnung davon, was Entzug bedeutet.
Verdammt noch mal, warum muß ein Mensch aus so vielen Knochen, Gelenken, Sehnen, Muskeln, Gewebe bestehen und
jedes Teil schmerzt furchtbar zugleich mit den anderen, aber in einer deutlichen, unverwechselbaren Individualität und alle
zusammen veranstalten ein grausames Konzert.
Trotz der Fürsorge von Mutter, Kind und Heinrich bringe ich nur allerkleinste Bissen ganz langsam runter. Ein Versuch, mit
meiner Tochter einen Spaziergang am Kanal zu machen scheitert nach wenigen Minuten. - Wieder einmal muß ich mich zur
Schwäche bekennen, denn meine Beine und der Rest drum herum wollen mir nicht gehorchen und versagen den Dienst.
Eine geschlagene Woche dauert dieser Zustand der dumpfen, schmerzerfüllten Lethargie.
Als ich die erste Mahlzeit zur Hälfte herunterbekomme, freut sich alle Welt mit mir. Meine Welt, die in diesen Tagen nur
aus den drei für mich wichtigsten Leuten besteht.
Ich sehe einen Silberstreif am Horizont und mache mich auf den Weg zur Genesung. Komisch, für mich war ein demütiger
Mensch immer nur der allerletzte Arschkriecher, aber nun hatte das Wort Demut eine völlig neue, unglaublich schöne Bedeutung.
PHASE 4
HOFFNUNG
Wer immer hofft, hofft oft vergebens.
Elf Tage war in nun trocken und elf Tage im Meeting gewesen. Diesen Tip hatte mir am ersten Abend ein junger Mann
gegeben, der dann bei 99 Tagen erstmal den Erfolg mit einem Saufgelage unter Freunden gefeiert hatte. Elf Tage Meeting, das
bedeutete für mich das Entdecken einer völlig neuen Welt. Bisher warst du allein der gottverdammte Außenseiter der Gesellschaft,
einer Gesellschaft, deren Normen du nie anerkannt hast, der du immer wieder beweisen mußtest, daß du anders bist. Stell dir
vor, du durchschreitest ein Tor und triffst dort auf lauter unnormale Leute. Nicht, daß diese Leute besonders auffällig
herumliefen oder sich gebärdeten, nein, auf der Straße würdest du keinen wiedererkennen. Aber wenn du unter ihnen sitzt, ihre
Gedanken an dir vorüberziehen, dann spürst du die starke Gemeinschaft mit diesen Menschen.
Wie ein Sortiermagnet trennst du die wichtigen Informationen vom Beiwerk und lagerst sie dir für eine spätere
Weiterverarbeitung sorgfáltig ein. Mit den Gefühlen mußt du allerdings aufmerksamer
umgehen. Nur zu leicht und zu oft wirst du von ihnen eingefangen und überwältigt. Nach einiger Zeit kannst du dir eine
Lebensgeschichte dann mit verständnisvoller Trauer, aber ohne den tiefen, unmittelbaren Schmerz anhören.
Wie jeden Tag fahre ich mit Heinrich ins Meeting und unterwegs gehen mir meine eigenen Gedanken durch den Kopf.
Ich fühle mich zwar noch etwas schlapp, aber das Leben geht weiter, die Krankschreibung zu Ende und ich muß morgen zum
Verkaufsrneeting nach Bad Godesberg. Derzeit ist alles ungewiß. Die Firma weiß nur, daß ich krank war und ahnt im
Entferntesten nicht, was sonst alles so passiert ist. Die Ungewißheit liegt mit bleierner Schwere auf meinem
Gemüt. Wie begründe ich, daß ich mit der Bahn anstatt wie bisher mit dem Auto komme? Finde ich eine passende
Gelegenheit um mein Sprüchlein wegen des Lappens aufzusagen und fallen mir dann auch einige plausible Gründe ein, warum
das alles nun mal so war und nicht anders? Werde ich sofort ge-
feuert?
Die Kontaktstelle ist gerammelt voll und eigentlich viel zu klein für ein Sonntagsmeeting, aber irgendwie findet jeder ein
Plätzchen.
Vielleicht kommt mir das ja nur so vor, aber die AA' s scheinen besonders emsige Raucher zu sein, denn die Luft ist wieder
mal zum Zerschneiden. Obwohl einige von den Typen dem Tod durch Säuferkrankheiten vorerst entgangen sind, wird den einen oder anderen der
Lungenkrebs erwischen. Eigentlich auch für mich mal ein Grund zum Nachdenken.
Schon nach den ersten Sätzen bin ich von den vorgetragenen Gedanken eingefangen. Beiläufig blicke ich zur Tür, als einlangbeiniges Geschöpf mit Löwenmähne sich in den Raum
windet. Schade, daß solche Mädchen mit so einem alten Sack nichts anfangen wollen,
verdammt noch mal, ganz schön sinnlich dieser volle geschwungene Mund mit der Adlernase darüber
und den melancholischen Augen. Und wo diese langen Beine wohl aufhören mögen? Das Meeting verläuft ohne besondere Highlights. Plötzlich,
die Stimme geht mir richtig in die Hose, kommt der Rauschgoldengel mit einem ganz heißen Bericht über zwei durchzechte
Nächte mit irgendeinem völlig unbekannten Youngster, über den Absturz, die Nacht im verschlossenen Badezimmer, die
Blackouts und die Reue, die sie heute ins Meeting führte. So
spannend und aufregend so eine Story auch sein mag, aber wenn du Mühe hast, den Faden nicht zu verlieren, ist das ganz
schön anstrengend. Gewünscht hatte ich es mir ja eigentlich nicht, aber als Martina sich unserer Vierergruppe zu einem
Nachmeeting anschloß, schlich sich doch ein frivoles Kribbeln in meine Nerven. "Jetzt kommt es darauf an, cool zu bleiben", warnt der kleine
Mann in meinem Ohr. "Red nicht so viel, sondern laß die Tussi selber kommen und dann, im entscheidenden
Augenblick. . ."
Selbst auf dem Weg zum Auto halte ich meinem Ratgeber treu die Stange und lasse Martina einfach links liegen.
"Am liebsten würde ich den ganzen Tag nur mit dem Auto in der Gegend rumfahren, aber so einen Job kriegst du als Frau ja
nicht", erzählt das heiße Girl gerade meinem Kumpel Heinrich, mit dem sie eben drei Schritte vor mir dahinschaukelt.
"Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein", mische ich mich ein, "heutzutage freut sich doch jeder, wenn er nicht im
Auto sitzen muß, in Stau, Gestank, Lärm und Streß."
Nachdem Heinrich mich zuhause abgeliefert hatte, war mir immer noch nicht ganz klar, was ich von dem Deal mit
Martina halten sollte. Wollte diese Elfe wirklich für mich den Chauffeur spielen oder hatte sie das nur gesagt, um mich
abzuwimmeln. Der Anruf mit einem letzten Gutenachtgruß läßt mich hoffnungsvoll in die neue Woche mit dem ersten trockenen Bad-Godesberg-Meeting blicken.
Martina würde pünktlich am Montag um 7.00 Uhr früh bei mir sein. Oder?
"Sag mal, wär es nicht besser, du kämst heute noch? Du kannst ja im Kinderzimmer schlafen und ich laß dich garantiert
in Ruhe. Dann brauchst du morgen doch nicht so zu hetzen." Als Martina bei mir klingelt, ist es gerade eben 1.00 Uhr durch.
Martina hatte nicht übertrieben. Dschumm, Gang rein, nochmals dschumm, Kupplung - Zwischengas - Kupplung. Wer
sagt denn, daß man einen 190-er D wie ein Opa driven muß. Diese Püppi geht mit dem Schaltknüppel um, daß mir nicht
nur die Augenbrauen hochgehen. Als wir uns dann dem trägen Strom der Autobahn hingeben, zeigt sich aber doch, daß sie mit
einem hochtourigen, schnellen Benzinergehirn fährt. Obwohl ich mich schon arg zusammenreiße, beim dritten Mal belle ich
Martina an: "Sag mal, ist das denn wirklich so schwer zu be-
greifen? Wenn du auf deinen Vordermann, der gerade einen Lkw überholt so dicht auffährst, kommst du mit einem Diesel ja nie
wieder in Gang." Das unschuldige, entwaffnende Lächeln Martinas unterbricht meine Belehrung.
"Oh, Du, sei nicht böse Mann, kannst Du mir das nicht mal genauer erklären, das mit dem Diesel, ja", haucht sie mich an
Peng. Das sitzt. Ich hätte mir ja die eine oder andere passende Reaktion vorstellen können, aber daß hier jemand ganz schlicht um eine
genauere Erklärung nachfragt, das bin ich nicht gewohnt.
Während ich noch nach Worten suche, geht mir ein Graffiti durch den Kopf: "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht
hin".
Martina wollte sich auf meine Aggressivität einfach nicht einlassen, verdammt noch mal. "Okay, tut mir ja leid, meine
Motzerei", quäle ich mir gönnerhaft raus.
"Paß mal auf, das ist eigentlich ganz einfach, wenn man's erst mal kapiert hat."
"Zuerst müssen wir ja mal auf die Autobahn rauf." Ich lehne mich zurück und lasse den Film in meinem Kopfkino ablaufen.
"Stell dir vor, du fährst so mit 30 Sachen auf dem Zubringer in
die Baustelle und da ist auch noch ein Wagen vor dir mit nem Mann mit Hut am Steuer.
Da hast du doch normal nicht die geringste Chance zum Einfädeln ohne Crash. Der Bursche fährt doch glatt bis in die
Einfahrt und bleibt stehen, weil nämlich viel los ist auf der rechten
Spur und kein Schwein läßt den rein. Und du stehst dann genau hinter ihm und wartest bis er weg ist und dann wartest du noch
mal so lange, bis du selber reinkommst. So sieht das aus." Während ich mich, pausenmäßig,
genußvoll strecke, drängt Martina: "Okay, soweit ist das klar, aber wie geht denn nun dein
Trick, den du mir erzählen wolltest?" Herr im Himmel, die Dame will ja wirklich wissen was
Sache ist. Nun gut, sei's drum. "Also gut, lassen wir den Mann mit Hut aber erst mal weg. Paß mal genau auf, was ich Dir
jetzt sage. So, jetzt zuerst mal Rückspiegel/Blinker/Rückspiegel und dann - zack - rüber auf die linke Spur und voll aufs
Gas, das heißt natürlich nicht einfach voll drauf, sondern natürlich mit Gefühl, sonst nimmt der Motor das Gas schlecht an.
So und nun bleiben wir erst mal links."
Martina fühlt sich offensichtlich etwas unwohl bei dem Gedanken, daß sie nach Anweisung fahren soll, denn sie bleibt
einfach rechts. In mir steigt wieder der bekannte, nasse Zorn hoch, wie immer, wenn jemand nicht sofort und ohne
Widerworte meine Anweisungen befolgt. Ich reiße mich verdammt noch mal zusammen, um nicht wieder loszufauchen und da mir
nichts besseres einfällt, schweige ich einfach.
Das wäre ja auch gelacht, wenn ich gleich bei der ersten Fahrt soviel Trouble mit Martina machte, daß sie einfach den
Bettel hinschmeißen würde. Nee, jetzt ist erst mal Geduld und Freundlichkeit angesagt. "Was machst Du denn sonst noch so,
außer gerne Autofahren?", denn mir fällt ein, wie wenig ich eigentlich von Martina weiß. "Ach Du, das ist gar nicht so leicht
gesagt. Da wären schon mal zuerst meine Beiden, also, das sind meine Eltern." Ich erfahre, daß Martinas Mutter schon immer
Hausfrau war, der Vater Pensionär und krank ist und daß beide offensichtlich kontaktarm sind und gegenüber Martina voll
verhaltensgestört sind. Das abgebrochene Studium, der zeitweise
ausgeflippte Lebensstil haben die hohen Erwartungen der beiden arg enttäuscht und nun soll Martina durch botmäßiges
Verhalten und häufige Anwesenheit beweisen, daß sie überhaupt wert ist, das väterliche Erbe, ein kleines Reihenhaus und eine
Eigentumswohnung, anzutreten. Wenn das alles so stimmt, leben die Leute ständig unter äußerster Anspannung.
Ohne besondere Zwischenfälle erreichen wir Bad Godesberg. Nun wissen wir schon eine ganze Menge voneinander. Ich
glaube, daß mir Martinas offenes, unschuldiges, kumpelhaftes
Wesen sehr gefällt. Und obwohl sie mit Jeans rumläuft und kaum was in der Bluse hat, auch in der anderen Beziehung
gefállt mir das Weibchen.
Vorhang.
Wie bei einem plötzlichen Überfall springen mir die Gedanken an die nächsten Stunden ins Gehirn. Scheiße, hatte ich völlig
verdrängt. Kennst Du Situationen, wo Du klein sein möchtest wie eine Maus oder noch viel kleiner? Schon beim Pförtnerhäuschen beginnt der mentale Spießrutenlauf- und dann durch die Instanzen. GL-Sekretariat -
Buchhaltung wegen Reisekostenabrechnung - Einkauf. Verbindliches Lächeln - Geschäftigkeit - Hektik. Hinter diesen
Verhaltensmustern wittere ich sofort immer die hinterhältige Frage:
"Na, wo ist denn der Führerschein?" und auch gleichzeitig die Antwort: "Das mußte ja bei so einem versoffenen Schwein
irgendwann mal passieren, geschieht ihm recht!" Aber nichts passiert. Alle sind freundlich bis unverbindlich wie gewohnt. Und
plötzlich fühle ich rnich stark. Verdammt noch mal, ich bin doch nicht umsonst durch die Hölle gegangen um mir dann vor
ein paar Waisenknaben einen abzuschlottern. Den ersten, der es wissen will, frage ich einfach, ob er selbst irgendein Problem
hat, ich hab jetzt nämlich keins mehr.
Das Verkaufsmeeting läuft völlig normal ab, das heißt, jeder betet seine Projekte runter, der "Techniker" ignoriert die Fakten
und der "Doktor" lacht unmotiviert vor sich hin. Diesmal frag ich lieber nicht nach, worüber er lacht, denn das wär nun
wirklich "wider den Stachel zu löcken."
Warum muß der Mensch eigentlich immer von etwas abhängig sein. Alkohol, Vorgesetze, Gesetze, Weiber und was sonst
noch alles. Irgendwie hängst Du vom ersten bis zum letzten Tag ab. "Viel ist ja diese Woche nicht drin", läßt der "Techniker" sich vernehmen, womit er jedenfalls recht hat und da
niemand widerspricht, ist das Meeting beendet. Während die Kollegen fast fluchtartig den Raum verlassen,
halte ich mich noch ein wenig mit dem Einpacken der Akten auf. Wenn ein Außenstehender diesen Aufbruch beurteilen
sollte, käme er leicht zu der Annahme, daß jeder einzelne halt viel zu tun hat und nun eilig seinem Arbeitsplatz zustrebt.
Weit gefehlt.
Die nächsten zehn Minuten gehören den Kommentaren zu der totalen Unfähigkeit, Ungerechtigkeit usw. der Geschäftsleitung. Aber warum hat sich bisher keiner mal getraut, im
Meeting was zu sagen. Außer meinen gelegentlichen aufmuckern findet die Truppe immer einen Konsens mit der Geschäftsleitung, indem sie nämlich betreten in sich blickt.
Schleimer, alles Schleimer.
"Herr Wegener, ich hab da noch etwas Unangenehmes mitzuteilen."
Mit knappen Worten schildere ich den Sachverhalt, wie ich meinen Lappen losgeworden bin. Natürlich in einer für
Nichtalkoholiker verständlichen Form. Manchmal ist eine nützliche Wahrheit eben für alle Beteiligten besser, als die
ungeschönte, nackte Wahrheit. H. Wegener nimmt die Botschaft erstaunlich gelassen auf.
Nach einer gekonnt dargestellten Denkpause sagt er nur "Sie wissen, daß Sie Ihre Arbeit ohne Führerschein nicht ausüben
können und daß der Verlust des Führerscheins ein Kündigungsgrund ist."
Nach meinem Einwand, daß ich bereits auf meine Kosten einen Fahrer engagiert habe, glaubt mir der Mann fürs Erste,
daß die Firma keinen Nachteil erleiden soll. Mit der Bemerkung: "Sie erhalten schriftlich eine
Nachricht", bin ich entlassen und verlasse so schnell ich kann diesen
Ort der Bekenntnis. Ich habe die Hoffnung, daß alles gut wird.
©Peter Goltz