Kurzer Abriß zur interkulturellen Geschichte von Kokain
bzw. Crack
Zu Beginn der Vorlesung weist Susanna Prepeliczay darauf hin,
dass sich zu dem Thema "Kokain und Crack" vor allem die Bücher "
Kokain, Ectasy und verwandte Designerdrogen" geschrieben von Enno Freye und
" Leistungsdroge Kokain" von Stone, Fromme und Kagan als
Literaturgrundlage eignen. Kokain ist ursprünglich eine pflanzliche Droge, die
aus der sog. Kokapflanze, die vorwiegend in Latein-und Südamerika beheimatet
ist, gewonnen wird. Bereits 1300 Jahre vor unserer Zeitrechnung kauten die
Indios die Blätter dieser Pflanze. Im Kontext mit den Inkakulte waren die
Kokablätter, als ein Geschenk des Sonnengottes, nur den wichtigsten Personen
eines Stammes (vor allem den Priestern) vorbehalten. Später wurde der Genuß
der Pflanze wieder der Allgemeinheit zugänglich.
(Chemische) Aufbereitung von Kokain bzw. Crack
Kokain ist wie alle psychoaktiven Drogen ein Alkaluid und kann
auf verschiedene Art und Weise verarbeitet bzw. aufbereitet werden.
Zunächst kann man durch die Zerkleinerung der Kokablätter
eine Art Kokapaste hergestellt werden, die jedoch mit ca. 70 Prozent des
Wirkstoffgehaltes sehr stark toxisch wirkt. Zum anderen können die Kokablätter
chemisch aufbereitet werden so daß man Kokainhydrochlorid (Pulverform) erhält.
Zum Verkauf wird die Droge oftmals mit Backpulver oder Babyabführmittel
gestreckt. Ungefähr 20 bis 30 Prozent des Ausgangswirkstoffes sind letztlich in
dem Pulver enthalten, das als "Kokain" in Umlauf ist. Durch die
chemische Umwandlung von Kokainhydrochlorid in die basische Form, kann eine höhere
Konzentration des Wirkstoffes erzielt werden. In Äther aufgelöst erhält man
die sog. "Free Base".
In Backpulver gekocht bleibt eine "kügelchenförmige"
Substanz übrig. Während der Herstellung dieser Substanz sind
"knackende" Geräusche zu hören, deswegen wird dieser Droge der Name
"Crack" gegeben. Crack wird meistens geraucht.
Pharmakogenetik und Applikationsformen
Im Folgenden wird nun auf die Pharmakogenetik bzw. die
Applikationsformen von Kokain genauer eingegangen.
Übersichtlichkeitshalber wird dazu eine Tabelle erstellt:
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Zeit bis zur Wirkung
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Dauer
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Substanz
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Verfügbarkeit
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30 bis 60 Min.
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90 Min.
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0,5 bis 1 %
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25%
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2 bis 4 Min.
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30 bis 45 Min.
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20 bis 80 %
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20 bis 30 %
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30 bis 45 Min.
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20 bis 20 Min.
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20 bis 80 %
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100 %
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8 bis 10 Sek.
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5 bis 10 Min.
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80 (bis 100) %
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30 %
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Es wird darauf hingewiesen, dass bei der intravenösen
Applikationsform der Wirkungsgrad am höchsten ist, da das Kokain sofort in die
Blutbahn und zum Gehirn zirkuliert. Je schneller die Droge in die Blutbahn
gelangt desto intensiver ist der "Kick" den der Konsument erlebt. Das
Kauen der Kokablätter (orale Aufnahme) bringt eine langsame Wirkung ohne
"Kick". Der Wirkstoff wird hierbei durch Enzyme in der Leber abgebaut;
bei Inhalation wird er fast vollständig in der Lunge absorbiert.
Kokain ist lipidlöslich, das heißt, die einzelnen Moleküle
können die Bluthirnschranke ungehindert durchdringen. Die biologische
Halbwertszeit von Kokain beträgt ca. 30 Minuten, die toxische Dosis liegt bei
ein bis zwei Milligramm pro Körpergewicht und kann sich entweder letal oder in
Form von schwersten körperlichen Schäden auf den Konsumenten auswirken. Im
Urin ist Kokain ca. drei bis fünf Tage nachweisbar. (Bei Dauerkonsumenten sind
es 15 bis 22 Tage gesetzten Falls der Konsum wird ab einem bestimmten Zeitpunkt
gestoppt.)
Im Folgenden soll kurz erklärt werden, was Kokain in unserem
Körper (insbesondere im Gehirn) bewirkt.
Gelangt Kokain in den Körper, intensiviert es die Wirkung von
Dopamin bzw. Noradrenalin. Dieses sind Neurotransmitter, von denen Dopamin für
das belohnungs- bzw. verhaltensverstärkende System zuständig ist (auch
verantwortlich für die Reflexion und Integration von Emotionen), Noradrenalin
hingegen die Triebhaften Äußerungen des Körpers z.B. Hunger, Durst und
Sexualität bestimmt.
Kokain blockiert die Transportermoleküle für Dopamin und
verhindert somit die Wiederaufnahme des durch Enzyme zersetzten
Neurotransmitters in Zelle 1. Dopamin dockt somit immer wieder von Neuem an den
Rezeptoren des postsynaptischen Spaltes an. Es entsteht eine Reizüberflutung,
durch die das (euphorische) Glücksgefühl nach dem Konsum von Kokain erklärt.
Bei Dauerkonsumenten verringert der Körper ab einem bestimmten Zeitpunkt die
Dopaminproduktion (andauernde Reizüberflutung). Wird jedoch der Kokainkonsum
eingestellt, tritt ein Dopaminmangel auf, da der Körper die Produktion von
Dopamin aufgrund des signalisierten Überschusses verringert hat. Dieser
Dopaminmangel kann der Grund für eventuell auftretende Depression bzw.
Reizbarkeit ("Down-Erscheinung").
Bei Einstellung des Kokainkonsums treten kaum körperliche
Entzugserscheinungen auf, vielmehr ist es der psychische Drang nach erneutem Glücksgefühl
(Craving = Stoffhunger bzw. Verlangen nach dem Gefühl, daß einem der Stoff
geben kann).
Subjektive/negative Wirkungserscheinungen bei Kokainkonsum
Als nächstes kommt die Sprache auf subjektive
Wirkungserscheinungen, die je nach Persönlichkeitsstruktur variieren können.
Neben einer positiven Verhaltensverstärkung kann eine gesteigerte Aktivität
(sowohl motorisch als auch geistig) bis hin zu Hyperaktivitäten auftreten.
Durch die Intensivierung der Dopaminwirkung kommt es zu einer
Stimmungsaufhellung die bis hin zur Euphorie führen kann. Auch kann Kokain beim
Konsumenten eine Übersteigerung des Selbstwertgefühls, einen erhöhten
Wachheitsgrad, hohe Alkoholverträglichkeit und/ oder das Ausbleiben jeglichen
Hunger- und Durstgefühls (siehe Noradrenalin) bewirken. Kokain wird zudem
nachgesagt, eine anregende Wirkung auf die Libido zu haben. Das kann zum Einen
damit zusammenhängen, daß sich Konsument/in selbst sexuell attraktiver fühlt
und somit auch auf andere Personen entsprechend wirkt, zum Anderen kann dies
auch mit der Auswirkung von Kokain auf das Noradrenalin erklärt werden.
Es gibt auch eine Reihe unerwünschter Wirkungsformen von
Kokain auf den Körper. Anzuführen sind hier z.B. Angstzustände, Paranoia, Überreizung,
Aggressivität sowie Eß- und Schlafstörungen.
Physiologisches Wirkungsbild von Kokain
Wie es zu diesen oben genannten Wirkungserscheinungen kommt
wird deutlich, wenn man sich das physiologische Wirkungsbild der Droge genauer
betrachtet. Dieses entspricht nämlich dem, einer Streßsituation. Der Körper
wird sozusagen "künstlich" in den Zustand von
"Alarmbereitschaft" versetzt. Die Muskeln werden gespannt, die
Durchblutung wird gesteigert angeregt. Ein höherer Pulsschlag und erweiterte
Pupillen sind weitere Anzeichen ("flight, fight and fright").
Chronischer Gebrauch von hohen Dosen
Bei chronischem Gebrauch von hohen Dosen von Kokain treten
neben psychischer Abhängigkeit (Craving) auch Depressionen, Angstzuständigkeit
und Ratlosigkeit auf ("drug seeking behaviour"). Bei Dauerkonsumenten
mit hohem Blutdruck besteht zudem ein erhöhtes Risiko einen Schlaganfall zu
bekommen. Oftmals ruft der chronische Gebrauch von Kokain zu Herzrhythmusstörungen
oder Krampfanfälle hervor.
Der (physiologische) Zustand dauernder Alarmbereitschaft kann
zu starken neuronalen Schädigungen führen (z.B. Senkung der Reizschwelle).
Auch kann es schon bei kleinen Reizen zu Überreaktionen kommen.
Kokain als Gesellschaftsdroge (Kokain im sozialen Kontext -
Bedeutung und Wandel)
Als letzter Tagesordnungspunkt soll nun Kokain im Bezug auf
den gesellschaftlichen Kontext bzw. unter dem Aspekt des gesellschaftlichen
Wandels genauer betrachtet werden. Gegen Ende des 19 Jahrhunderts galt Kokain
als "Wundermittel" gegen die verschiedensten Leiden unter anderem auch
gegen Depression. Freud behauptete zu dieser Zeit, daß Kokain magische Fähigkeiten
habe.
Der "Coca-Cola-Konzern" machte sich die Beliebtheit
bzw. die stimulierende Wirkung von Kokain zu Nutze und mischte ca. 200mg Kokain
pro Liter in das Getränk. (Der Effekt auf die Konsumenten zeichnete sich in
Form eines sich beständig vergrößernden Absatzmarktes ab.) Erst 1914 erschien
in der amerikanischen Gesetzgebung zum ersten Mal ein offizielles Verbot zum
"nicht medizinischen Gebrauch", 1924 folgte die Regulierung der Menge
in Medikamenten.
Um 1920 unter der Boheme in Europa zu einer regelrechten
"Kokainwelle", die bis zu den 30ern wieder abgeebbt war. Erst wieder
in den 70ern erlebte Kokain als "Modedroge" insbesondere im
Zusammenhang mit dem Aufkommen von Drogen, wie z.B. Halluzinogenen und Speed,
ein Revival.
In den 80er Jahren nahm Crack immer mehr an Beliebtheit zu, es
konnte zudem eine Verjüngung des Konsumentenkreises festgestellt werden.
Verglichen mit dem Drogenkonsum in Amerika wird deutlich, dass der Drogenkonsum
heutzutage in Europa dem des amerikanischen Bildes vor 10 Jahren entspricht.
Crack ist in Europa eher als "Straßendroge"
anzusehen. Aufgrund der intensiveren Wirkung (als Koks) und des oftmals
exzessiven Konsums ist die Gefahr des Kontrollverlustes auf Seiten der
Konsumenten relativ hoch. Kokain hingegen könnte mehr als "saubere Droge
unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft" bezeichnet werden. Sie kann
moderat konsumiert werden, auch ohne Steigerung der Dosis.
Der Mensch soll innerhalb dieses Systems
"funktionieren", ob in Zusammenhang mit Arbeit oder Freizeit. Er steht
unter dem Zwang einer Gesellschaft in der negative Gefühle (wie z.B. Erschöpfung,
Traurigkeit, Pessimismus) keinen Platz zu haben scheinen, in der er gefordert
ist, immer und überall 100% zu geben.
Zum einen kann dieser Druck auf das Individuum mit ein Grund für
die steigende Zahl an Drogenkonsumenten sein ("Kokain als
Leistungsdroge"), zum anderen scheint Kokain gleichzeitig auch Teil einer
"subkulturellen Identität" zu sein, die danach strebt sich von diesem
überfordernden System abzugrenzen, "anders zu sein" (Doppeldeutigkeit
von Kokain).
Statistisch gesehen sind Kokain und Crack häufig an
Gewaltverbrechen beteiligt (siehe unerwünschte Wirkungserscheinungen) die durch
Zerstörung bis hin zur Todesfolge gekennzeichnet.