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Kokain und Crack

  1. Kurzer Abriß zur interkulturellen Geschichte von Kokain bzw. Crack
  2. (Chemische) Aufbereitung von Kokain bzw. Crack
  3. Pharmakogenetik und Applikationsformen
  4. Subjektive/negative Wirkungserscheinungen bei Kokainkonsum
  5. Physiologisches Wirkungsbild von Kokain
  6. Chronischer Gebrauch von hohen Dosen
  7. Kokain als Gesellschaftsdroge (Kokain im sozialen Kontext - Bedeutung und Wandel)


 

Kurzer Abriß zur interkulturellen Geschichte von Kokain bzw. Crack

Zu Beginn der Vorlesung weist Susanna Prepeliczay darauf hin, dass sich zu dem Thema "Kokain und Crack" vor allem die Bücher " Kokain, Ectasy und verwandte Designerdrogen" geschrieben von Enno Freye und " Leistungsdroge Kokain" von Stone, Fromme und Kagan als Literaturgrundlage eignen. Kokain ist ursprünglich eine pflanzliche Droge, die aus der sog. Kokapflanze, die vorwiegend in Latein-und Südamerika beheimatet ist, gewonnen wird. Bereits 1300 Jahre vor unserer Zeitrechnung kauten die Indios die Blätter dieser Pflanze. Im Kontext mit den Inkakulte waren die Kokablätter, als ein Geschenk des Sonnengottes, nur den wichtigsten Personen eines Stammes (vor allem den Priestern) vorbehalten. Später wurde der Genuß der Pflanze wieder der Allgemeinheit zugänglich.

(Chemische) Aufbereitung von Kokain bzw. Crack

Kokain ist wie alle psychoaktiven Drogen ein Alkaluid und kann auf verschiedene Art und Weise verarbeitet bzw. aufbereitet werden.

Zunächst kann man durch die Zerkleinerung der Kokablätter eine Art Kokapaste hergestellt werden, die jedoch mit ca. 70 Prozent des Wirkstoffgehaltes sehr stark toxisch wirkt. Zum anderen können die Kokablätter chemisch aufbereitet werden so daß man Kokainhydrochlorid (Pulverform) erhält. Zum Verkauf wird die Droge oftmals mit Backpulver oder Babyabführmittel gestreckt. Ungefähr 20 bis 30 Prozent des Ausgangswirkstoffes sind letztlich in dem Pulver enthalten, das als "Kokain" in Umlauf ist. Durch die chemische Umwandlung von Kokainhydrochlorid in die basische Form, kann eine höhere Konzentration des Wirkstoffes erzielt werden. In Äther aufgelöst erhält man die sog. "Free Base".

In Backpulver gekocht bleibt eine "kügelchenförmige" Substanz übrig. Während der Herstellung dieser Substanz sind "knackende" Geräusche zu hören, deswegen wird dieser Droge der Name "Crack" gegeben. Crack wird meistens geraucht.

 

Pharmakogenetik und Applikationsformen

Im Folgenden wird nun auf die Pharmakogenetik bzw. die Applikationsformen von Kokain genauer eingegangen.

Übersichtlichkeitshalber wird dazu eine Tabelle erstellt:

Zeit bis zur Wirkung

Dauer

Substanz

Verfügbarkeit

30 bis 60 Min.

90 Min.

0,5 bis 1 %

25%

2 bis 4 Min.

30 bis 45 Min.

20 bis 80 %

20 bis 30 %

30 bis 45 Min.

20 bis 20 Min.

20 bis 80 %

100 %

8 bis 10 Sek.

5 bis 10 Min.

80 (bis 100) %

30 %

Es wird darauf hingewiesen, dass bei der intravenösen Applikationsform der Wirkungsgrad am höchsten ist, da das Kokain sofort in die Blutbahn und zum Gehirn zirkuliert. Je schneller die Droge in die Blutbahn gelangt desto intensiver ist der "Kick" den der Konsument erlebt. Das Kauen der Kokablätter (orale Aufnahme) bringt eine langsame Wirkung ohne "Kick". Der Wirkstoff wird hierbei durch Enzyme in der Leber abgebaut; bei Inhalation wird er fast vollständig in der Lunge absorbiert.

Kokain ist lipidlöslich, das heißt, die einzelnen Moleküle können die Bluthirnschranke ungehindert durchdringen. Die biologische Halbwertszeit von Kokain beträgt ca. 30 Minuten, die toxische Dosis liegt bei ein bis zwei Milligramm pro Körpergewicht und kann sich entweder letal oder in Form von schwersten körperlichen Schäden auf den Konsumenten auswirken. Im Urin ist Kokain ca. drei bis fünf Tage nachweisbar. (Bei Dauerkonsumenten sind es 15 bis 22 Tage gesetzten Falls der Konsum wird ab einem bestimmten Zeitpunkt gestoppt.)

Im Folgenden soll kurz erklärt werden, was Kokain in unserem Körper (insbesondere im Gehirn) bewirkt.

Gelangt Kokain in den Körper, intensiviert es die Wirkung von Dopamin bzw. Noradrenalin. Dieses sind Neurotransmitter, von denen Dopamin für das belohnungs- bzw. verhaltensverstärkende System zuständig ist (auch verantwortlich für die Reflexion und Integration von Emotionen), Noradrenalin hingegen die Triebhaften Äußerungen des Körpers z.B. Hunger, Durst und Sexualität bestimmt.

Kokain blockiert die Transportermoleküle für Dopamin und verhindert somit die Wiederaufnahme des durch Enzyme zersetzten Neurotransmitters in Zelle 1. Dopamin dockt somit immer wieder von Neuem an den Rezeptoren des postsynaptischen Spaltes an. Es entsteht eine Reizüberflutung, durch die das (euphorische) Glücksgefühl nach dem Konsum von Kokain erklärt. Bei Dauerkonsumenten verringert der Körper ab einem bestimmten Zeitpunkt die Dopaminproduktion (andauernde Reizüberflutung). Wird jedoch der Kokainkonsum eingestellt, tritt ein Dopaminmangel auf, da der Körper die Produktion von Dopamin aufgrund des signalisierten Überschusses verringert hat. Dieser Dopaminmangel kann der Grund für eventuell auftretende Depression bzw. Reizbarkeit ("Down-Erscheinung").

Bei Einstellung des Kokainkonsums treten kaum körperliche Entzugserscheinungen auf, vielmehr ist es der psychische Drang nach erneutem Glücksgefühl (Craving = Stoffhunger bzw. Verlangen nach dem Gefühl, daß einem der Stoff geben kann).

Subjektive/negative Wirkungserscheinungen bei Kokainkonsum

Als nächstes kommt die Sprache auf subjektive Wirkungserscheinungen, die je nach Persönlichkeitsstruktur variieren können. Neben einer positiven Verhaltensverstärkung kann eine gesteigerte Aktivität (sowohl motorisch als auch geistig) bis hin zu Hyperaktivitäten auftreten. Durch die Intensivierung der Dopaminwirkung kommt es zu einer Stimmungsaufhellung die bis hin zur Euphorie führen kann. Auch kann Kokain beim Konsumenten eine Übersteigerung des Selbstwertgefühls, einen erhöhten Wachheitsgrad, hohe Alkoholverträglichkeit und/ oder das Ausbleiben jeglichen Hunger- und Durstgefühls (siehe Noradrenalin) bewirken. Kokain wird zudem nachgesagt, eine anregende Wirkung auf die Libido zu haben. Das kann zum Einen damit zusammenhängen, daß sich Konsument/in selbst sexuell attraktiver fühlt und somit auch auf andere Personen entsprechend wirkt, zum Anderen kann dies auch mit der Auswirkung von Kokain auf das Noradrenalin erklärt werden.

Es gibt auch eine Reihe unerwünschter Wirkungsformen von Kokain auf den Körper. Anzuführen sind hier z.B. Angstzustände, Paranoia, Überreizung, Aggressivität sowie Eß- und Schlafstörungen.

Physiologisches Wirkungsbild von Kokain

Wie es zu diesen oben genannten Wirkungserscheinungen kommt wird deutlich, wenn man sich das physiologische Wirkungsbild der Droge genauer betrachtet. Dieses entspricht nämlich dem, einer Streßsituation. Der Körper wird sozusagen "künstlich" in den Zustand von "Alarmbereitschaft" versetzt. Die Muskeln werden gespannt, die Durchblutung wird gesteigert angeregt. Ein höherer Pulsschlag und erweiterte Pupillen sind weitere Anzeichen ("flight, fight and fright").

Chronischer Gebrauch von hohen Dosen

Bei chronischem Gebrauch von hohen Dosen von Kokain treten neben psychischer Abhängigkeit (Craving) auch Depressionen, Angstzuständigkeit und Ratlosigkeit auf ("drug seeking behaviour"). Bei Dauerkonsumenten mit hohem Blutdruck besteht zudem ein erhöhtes Risiko einen Schlaganfall zu bekommen. Oftmals ruft der chronische Gebrauch von Kokain zu Herzrhythmusstörungen oder Krampfanfälle hervor.

Der (physiologische) Zustand dauernder Alarmbereitschaft kann zu starken neuronalen Schädigungen führen (z.B. Senkung der Reizschwelle). Auch kann es schon bei kleinen Reizen zu Überreaktionen kommen.

Kokain als Gesellschaftsdroge (Kokain im sozialen Kontext - Bedeutung und Wandel)

Als letzter Tagesordnungspunkt soll nun Kokain im Bezug auf den gesellschaftlichen Kontext bzw. unter dem Aspekt des gesellschaftlichen Wandels genauer betrachtet werden. Gegen Ende des 19 Jahrhunderts galt Kokain als "Wundermittel" gegen die verschiedensten Leiden unter anderem auch gegen Depression. Freud behauptete zu dieser Zeit, daß Kokain magische Fähigkeiten habe.

Der "Coca-Cola-Konzern" machte sich die Beliebtheit bzw. die stimulierende Wirkung von Kokain zu Nutze und mischte ca. 200mg Kokain pro Liter in das Getränk. (Der Effekt auf die Konsumenten zeichnete sich in Form eines sich beständig vergrößernden Absatzmarktes ab.) Erst 1914 erschien in der amerikanischen Gesetzgebung zum ersten Mal ein offizielles Verbot zum "nicht medizinischen Gebrauch", 1924 folgte die Regulierung der Menge in Medikamenten.

Um 1920 unter der Boheme in Europa zu einer regelrechten "Kokainwelle", die bis zu den 30ern wieder abgeebbt war. Erst wieder in den 70ern erlebte Kokain als "Modedroge" insbesondere im Zusammenhang mit dem Aufkommen von Drogen, wie z.B. Halluzinogenen und Speed, ein Revival.

In den 80er Jahren nahm Crack immer mehr an Beliebtheit zu, es konnte zudem eine Verjüngung des Konsumentenkreises festgestellt werden. Verglichen mit dem Drogenkonsum in Amerika wird deutlich, dass der Drogenkonsum heutzutage in Europa dem des amerikanischen Bildes vor 10 Jahren entspricht.

Crack ist in Europa eher als "Straßendroge" anzusehen. Aufgrund der intensiveren Wirkung (als Koks) und des oftmals exzessiven Konsums ist die Gefahr des Kontrollverlustes auf Seiten der Konsumenten relativ hoch. Kokain hingegen könnte mehr als "saubere Droge unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft" bezeichnet werden. Sie kann moderat konsumiert werden, auch ohne Steigerung der Dosis.

Der Mensch soll innerhalb dieses Systems "funktionieren", ob in Zusammenhang mit Arbeit oder Freizeit. Er steht unter dem Zwang einer Gesellschaft in der negative Gefühle (wie z.B. Erschöpfung, Traurigkeit, Pessimismus) keinen Platz zu haben scheinen, in der er gefordert ist, immer und überall 100% zu geben.

Zum einen kann dieser Druck auf das Individuum mit ein Grund für die steigende Zahl an Drogenkonsumenten sein ("Kokain als Leistungsdroge"), zum anderen scheint Kokain gleichzeitig auch Teil einer "subkulturellen Identität" zu sein, die danach strebt sich von diesem überfordernden System abzugrenzen, "anders zu sein" (Doppeldeutigkeit von Kokain).

Statistisch gesehen sind Kokain und Crack häufig an Gewaltverbrechen beteiligt (siehe unerwünschte Wirkungserscheinungen) die durch Zerstörung bis hin zur Todesfolge gekennzeichnet.  

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