Beschäftigen wir uns in diesem Kapitel
einmal kurz mit der Liebe und dem (Gegenstück?) Hass.
Fragen
wir, was nun eigentlich Liebe ist, kommen wir schon ganz schön ins Schleudern.
Per
psychologischer Definition ist es erst einmal ein positives Gefühl, welches
keine Veränderung wünscht. Eine treffend zutreffende, aber dennoch ziemlich
lapidare, Erklärung, finden Sie nicht?
Lassen
Sie uns ein wenig genauer hinschauen.
Seit Jahrhunderten versuchen Dichter und
Philosophen eine Erklärung für dieses kleine und doch so mächtige Phänomen
zu finden. Manche von Ihnen würden sagen, es ist das unerklärbare Gefühl im
Bauch, Flugzeuge im Bauch, sich nach dem anderen zu verzehren. Wieder andere
sagen, es ist Vertrautheit, Extase, Leidenschaft, dem anderen helfen,
"sie/ihn" verstehen ohne Worte, die Nähe, die Symbiose, die absolute
Verschmelzung, Vertrauen, sich aufeinander einlassen können, sich öffnen,
beschützt werden, sich fallen lassen können und zu wissen man wird
aufgefangen. Die Liste ließe sich wohl beliebig lang fortsetzen und jeder
versteht unter Liebe etwas anderes, bzw. für jeden hat sie eine andere
Bedeutung.
In
der Tat, ist es (diese Gefühl-genannt Liebe) mystisch und allumfassend. Ich
persönlich neige dazu es als das fünfte Element, nach den vier Elementen
Feuer, Wasser, Luft und Erde, zu bezeichnen. Warum das fünfte Element? Zum
einen verbindet die Liebe, nach uraltem Glauben, diese vier Elemente und zum
anderen wird Sie das Feuer nicht wärmen können wenn Sie nicht geliebt werden,
daß Wasser wird Sie zwar am Leben erhalten und Sie können überleben ohne
Liebe, doch nicht leben, die Luft die Sie ohne Liebe atmen wird Ihnen die Kehle
zu schnüren und die Erde in die Sie Ihre Saat geben wird ohne Liebe Leid
hervorbringen.
Einig
sind wir uns wohl alle das es das höchste und reinste aller Gefühle, doch
Lassen
Sie uns zuerst unterscheiden zwischen Liebe und Verliebtheit.
Die
Verliebtheit, ein Gefühl, welches
wir als so außergewöhnlich bezeichnen, hat leider nichts mit der Liebe zu tun.
Aus ihr kann sich Liebe entwickeln, doch sie muß keineswegs am Anfang einer
"Liebes- Beziehung stehen.
Reduziert
betrachtet ist Verliebtheit nichts weiter als ein biochemischer Vorgang im
Hirnstoffwechsel. Nämlich eine Überproduktion von Serotonin, Dopamin,
Noradrenalin, gewissen Endorphinen (Neuropeptiden, körpereigenen Opioiden).
Sie
ist die Erwartung, die Hoffnung auf Erfüllung der "Wünsche".
Die
Liebe wurde in der hellenistischen Kultur (den alten Griechen) als der Gott Eros
verehrt. Eros, als einer der ältesten Naturgötter, wurde kosmologisch
(allumfassend) und als Sohn des Chaos, daß die weltzeugende Prinzip, gesehen.
Agape
heißt im lateinischen Caritas. Womit wir bei Erich Fromm sind, der die Liebe in
zwei Bereiche unterteilt. In Eros und Agape. Agape bezeichnet die
leidenschaftslose Liebe, die aufopfernde, sich verschenkende, hingebende Liebe,
auch zum Nichtliebenswerten.
In
dieser Liebe fühlen sich zwei Menschen aufrichtig und ehrlich gebunden.
Sie
teilen grundsätzliche Werte, Interessen und Ziele und tollerieren die
Individualität des Anderen. In dieser Liebe gibt es keinen Liebesentzug oder
den Versuch, den Anderen nach seinen Vorstellungen zu formen, zu biegen. Die Stärke
dieser Liebe bemißt sich am Grad des gegenseitigen Vertrauens und Respekts. Sie
ist ausgerichtet auf die Förderung des Anderen, daß heißt die gegenseitige Förderung.
Sie läßt Teilung in allen Bereichen zu. Beide Partner sind nicht nur Liebende,
sondern auch jeweils die wichtigsten und engsten Freunde für einander.
In
dieser Liebe sind die Partner gegenüber sich und dem anderen ehrlich, denn
diese Ehrlichkeit begründet das Vertrauen und den Respekt.
Eros
dagegen bezeichnet die leidenschaftliche, allumfassende, sich verzehrende Liebe.
Die schmerzhafte Sehnsucht, das Begehren des anderen, das Geheimnisvolle, nicht
klar Fassbare, das Mystische.
Leidenschaftliche Liebe (Eros) mag zunächst fantastisch sein, denn wer schwebt nicht gerne mit körpereigenen Drogen auf Wolke 7. Doch die stabilisierenden Kräfte einer guten langfristigen Beziehung sind leider weniger aufregend.
Für
beide, für Eros, wie für Agape gibt es genug Verfechter und für jeden ist
eben nur Eros oder Agape die wahre Liebe. Es scheint fast, als ob in diesem
Kontinuum auf der einen Seite Eros und auf der anderen Seite Agape besteht.
Doch
in Eros und in Agape besteht noch mehr. Nämlich der Widerspruch des Menschen an
sich. Sein Drang nach Vereinigung, nach "Ganzwerdung", der ein "Getrenntsein"
voraussetzt. Was uns über den Widerspruch zu einem Paradoxum führt.
Zwei Menschen möchten "eins" werden. Sie sind eigenständige Wesen und
wollen es, trotz "eins werden" (die Verschmelzung zu einem Wesen), auch
bleiben. Wie läßt sich das vereinbaren?
Begierde ist zunächst einmal ein mit der Vorstellung des Ziels verbundener Antrieb. En durch Mangel bedingtes Unlustgefühl, (hier zum Bsp. Mangel an Liebe oder Sex) wird zur Begierde wenn die Vorstellung des Zustandes, oder Gegenstandes (Person) hinzukommt, der diesen Mangel beseitigen kann, also zur Befriedigung führt.
Echte
Liebe braucht als Grundbedingung die Intimität. Damit ist nicht die körperliche
Vereinigung von Mann und Frau gemeint. Intimität ist die Fähigkeit zu einer
festen Bindung an eine andere Person und zwar sexuell, emotional und moralisch.
Die Betonung liegt hier auf Fähigkeit und fest. Intimität braucht wiederum
vier Voraussetzungen. Erstens setzt sie Offenheit, zweitens Mut, drittens
moralische Stärke und viertens die Fähigkeit bei den eigenen Vorlieben
Kompromisse eingehen zu können, voraus.
Echte
Liebe ist somit Ausdruck innerer Produktivität und Fürsorge, welches Achtung
und Verantwortungsgefühl impliziert. Sie kann somit nicht Ausdruck von
Besitzanspruch, Machtbedürfnis und Lüge sein.
Die
Liebe ist wie eine zarte Blume, sie ist eine zarte Blume und jede Lüge ist
Gift, welches sie ein Stück sterben läßt. Dabei spielt es keine Rolle, wenn
Sie doch sonst so ehrlich sind. Es
spielt auch keine Rolle, ob es für Sie eine Lüge ist oder nicht. Die
Entscheidung liegt dann nicht mehr bei Ihnen, dem Sender der Information. Diese
Entscheidung liegt beim Partner, er entscheidet anhand seiner ihm zur Verfügung
stehender Informationen, die nicht immer nur faktisch/ logisch sind, ob es eine
Lüge ist. Sie haben die Information gesendet und tragen die Verantwortung über
den Inhalt.
Im
Moment der Lüge brechen drei Intimitätsvoraussetzungen zusammen. Offenheit,
Mut und moralische Stärke.
Eine
Lüge, und das ist eine Tatsache, zerstört zehn Wahrheiten. Im Umkehrschluß
verstärkt eine Wahrheit (Offenheit) nicht zehn mal mehr das Vertrauen bzw. die
Intimität.
Erlauben sie mir einen kurzen abstecher in die heutige Psychologie.
Die leidenschaftliche Liebe (Eros) lässt sich psychologisch in zwei Arten aufspalten.
die verblendete Liebe und
die romantische Liebe
Beide sind von hoher Leidenschaft und niedriger Bindung. Der Denkfehler der meisten Menschen liegt darin, dass sie glauben je leidenschaftlicher oder romantischer die Liebe ist, desto höher ist die Bindung.
| Art | Intimität | Leidenschaft | Verbindlichkeit |
| mögen | hoch | niedrig | niedrig |
| (verblendete Liebe) verliebt sein | niedrig | hoch | niedrig |
| romantische Liebe | hoch | hoch | niedrig |
| kameradschaftliche Liebe | hoch | niedrig | hoch |
| erfüllte Liebe | hoch | hoch | hoch |
Die Komponente "Verbindlichkeit" drückt die Bereitschaft aus die Beziehung aufrechtzuerhalten!
Kommen wir zu der Frage, warum die Liebe abflaut, warum wir uns auf die Suche nach einem anderen Menschen begeben, in der Hoffnung, dort sei alles besser. Zu dieser Illusion trägt die sexuelle Begierde bei, denn diese strebt nach Vereinigung und ist keineswegs nur ein körperliches Verlangen und sie ist aber auch keineswegs die Lösung einer quälenden inneren Spannung. Die sexuelle Begierde vermischt sich leicht mit allen starken Emotionen und diese beiden stimulieren sich gegenseitig. Das sexuelle Begehren wird also zum Irrtum, im dem wir glauben, wir lieben, wenn wir körperlich begehren.
Diese sexuelle Anziehung
erzeugt im Augenblick die Illusion der Einheit, der Symbiose, nach der der
Mensch, insbesondere die Borderlinepersönlichkeit, strebt. Zum anderen geht die
Phase der Verliebtheit, die Phase der großen Intensität und Erfüllung in die
Phase größerer Intimität über.
Hier sehen Sie, wie oft die Menschen beides verwechseln. Die erste Phase wird
somit auch als "passsionate Love"
und die Phase der größeren Intimität als "companionate Love" bezeichnet.
Und
letztlich regelt sich der Hirnstoffwechsel auf ein normales, wenn auch
erhöhtes, Maß zurück.
So
manche Beziehung würde noch bestehen, wenn der Mensch sich dieser drei normalen
Vorgänge bewußt wäre und nicht immer, oder wie die Borderlinepersönlichkeit,
Verliebtheit mit Liebe verwechseln würde.
Wie
viel
Egoismus darf aber nun die erotische Liebe beinhalten?
Egoismus
ist dem Altruismus entgegengesetzt. Er setzt das eigene Ich (Ego) in den
Mittelpunkt einer Beziehung. Der Altruismus bezeichnet die Fähigkeit zur Rücksichtnahme
auf den andern bzw. andere, die Selbstlosigkeit in Denken, Fühlen und Handeln.
Da
der Altruismus dem Selbsterhaltungstrieb, der ja in den meisten psychischen
Modellen als zentrales Motiv allen Verhaltens angesehen wird, widerspricht, wäre
er per Definition als Selbstlosigkeit in Denken, Fühlen und Handeln in einer
Beziehung unmöglich.
Wenn
wir ihn aber als Fähigkeit der Rücksichtnahme verstehen, ist er möglich.
Die
Fähigkeit zur Rücksichtnahme benötigt allerdings eine entscheidende Grundlage
und diese heißt Emphatie, also die Fähigkeit sich die Dinge mit den Augen des
anderen betrachten zu können und vor allem dies auch zu wollen. Doch auch hier
darf der Altruismus nicht in die Selbstaufgabe für den anderen abgleiten. Vom
Prinzip her bezeichnet der Altruismus bzw. die absolute altruistische Liebe die
Mutterliebe. In ihr (abgesehen von der Mutterliebe fast aller Borderlinepersönlichkeiten)
besteht die höchste und reinste Form des Altruismus.
Der
Egoismus ist eher in der
Erosbeziehung und der Altruismus eher in der Agapebeziehung zu finden. Das heißt
nicht, daß es keinen Altruismus in einer Erosbeziehung gibt. Doch egal, ob Eros
oder Agape, Liebe heißt zuerst einmal geben und nehmen im Gleichgewicht. Das
Geben ist nicht an Bedingungen geknüpft, wie es in einer Borderline-Beziehung,
die übrigens immer eine Erosbeziehung ist, üblich ist und im Nehmen dürfen
keine Schuldgefühle impliziert werden. Wenn im Nehmen das Gefühl der
Dankbarkeit vorhanden ist wird man auch gerne geben. Das heißt, das in der
Liebe für den Egoismus wie auch für
den Altruismus, ein gesundes, für beide akzeptables, Mittelmaß gefunden werden
muß.
Ist
die Liebe darauf ausgerichtet, entweder nur meine oder nur die Wünsche des
Partners zu befriedigen, dann ist es keine Liebe.
Nach
Freud würde die volle und ungehemmte Befriedigung aller triebhaften Wünsche
seelisches Glück und Gesundheit nach sich ziehen.
Der
Narzissmus ist die erste Stufe der menschlichen Entwicklung und liegt in der
oralen und analen Phase.
Wie
schon erwähnt, ist in jedem Menschen ein Narzissmus vorhanden, ein narzisstisches
Gleichgewicht. Läuft das Gleichgewicht aus dem Ruder, d.h. es besteht kein
narzisstisches Gleichgewicht mehr, wird die Liebe mit Ego besetzt und macht sie
auf Dauer unmöglich.
Wir
wissen bereits, daß ein Narzisst auf die Stufe der oralen und analen Phase,
bzw. anal-sadistische Phase zurückfällt und sein Objekt mit der damalig zugehörigen
Libido, diese beinhaltet aber auch die damalig zugehörigen Aggression, besetzt.
Er fordert nicht nur den Altruismus, wie ihn nur die Mutter liefern kann, d.h.
die absolute Selbstlosigkeit in Denken, Fühlen und Handeln, vom anderen ihm
gegenüber, sondern obendrein auch noch Eros.
Der
Leser mag selbst entscheiden, ob die narzisstische Persönlichkeit lieben kann.
Nun
wissen wir aber auch, daß die Borderline-Störung
sehr oft einen pathologischen
Narzissmus beinhaltet. Oder anders herum, wie Kernberg es
sieht, der die narzisstische Störung, in der Persönlichkeitsorganisation,
unter die Borderline-Störung einordnet. Wobei er zwischen neurotischer und
psychotischer Organisation unterscheidet.
Das
spielt aber im Falle der Liebe keine Rolle, da es sich in beiden Fällen, der
narzisstischen Störung und/oder Borderline-Störung um die neurotische Liebe
oder die Pseudoliebe handelt.
Pseudoliebe
ist wenn jemand kein ausgeprägtes ICH hat, also nur ICH- Fragmente besitzt
neigt er dazu den "Geliebten" zu vergöttern, ihn zu idealisieren. Das
Problem hierbei ist, daß sich derjenige im "Geliebten" verliert, anstatt
sich im anderen zu finden. Da in der Regel der "Gott", der "Geliebte"
nicht auf Dauer den Erwartungen entsprechen kann, kommt es zwangsläufig zu Enttäuschungen,
die sich dann naturgemäß zunehmend häufen. Doch da diese Liebe abgöttisch
ist, wird sie als die einzige, wahre, große Liebe bezeichnet, bzw. so gesehen.
Da
aber die Seele arbeitet und irgendwann nicht mehr in der Lage ist, diesen
Widerspruch zu verarbeiten, bzw. aufrechtzuerhalten, schreitet man zu einem
neuen "Gott". In Wirklichkeit ist es der Hunger und die Verzweiflung des
"Enttäuschten".
In
der neurotischen Liebe werden Projektionsmechanismen verwendet, um den eigenen
Problemen aus dem Weg zu gehen. Es wird sich konzentriert auf die Fehler und
Schwächen der "geliebten" Person und
man (der Narzisst) entwickelt ein sehr feines Gespür für diese. Man ist somit
immer darauf bedacht, der "geliebten" Person Vorwürfe machen zu können.
Anhand
beider Lieben, der Pseudoliebe, wie auch der neurotischen Liebe, sehen Sie
wiederum, das eine Borderlinepersönlichkeit sich nicht auf eine, im Gegensatz
zum Narzissten, der die neurotische verwendet, Liebe festlegen lässt, da sie
beide Formen innerhalb einer Beziehung verwendet.
Kommen
wir wieder zum seelischen Glück, der Liebe. In oder durch die Liebe strebt der
Mensch nach Vereinigung, besser gesagt nach Wiedervereinigung. In der Aufhebung
des Gespaltenseins versucht er ganzheitlich zu werden. Sehr schön zu sehen bei
der Borderlinepersönlichkeit im Suchen und
Streben nach der Symbiose, nach der Verschmelzung mit dem anderen, ihrem
Ideal.
Einer
der Gründe für das Suchen, nach Aufhebung des "Getrenntseins", ist der
Urzustand, den jeder von uns einmal erlebte, der allerdings aus dem Gedächtnis
nicht mehr bewusst abrufbar ist. Wir "wissen" nur, da war etwas. Dieser
Urzustand sind die neun Monate im Mutterleib und für viele Menschen die
darauffolgenden 1,5 Jahre. Die Einheit von Mutter und Kind in der vollkommensten
Form.
Doch
auch wenn uns logisch bewusst ist, daß dieser Zustand nie wieder zu erreichen
ist, bis auf eine annähernden Ausnahme (z. Bsp. bei der Droge Heroin) versuchen wir dennoch, natürlich
unbewusst,
diesen Zustand höchsten Glücks, Zufriedenheit und Ganzsein, wieder zu
erreichen. Die Liebe hat somit immer etwas mit Gespaltensein oder auch mit
Spaltung, Getrenntsein des Menschen zu tun. Ich spreche hier nicht von der
psychologischen Spaltung, dem kindlichen Abwehrmechanismus, des ICH.
Lassen
Sie uns noch ein wenig bei dieser Suche bleiben. Dazu begeben wir uns wieder auf
den philosophischen Pfad der alten Griechen.
In
der altgriechischen (hellenistischen) Philosophie spricht Platon davon, daß
alle Menschen ursprünglich eine Art "Doppelmensch", mit zwei Gesichtern,
vier Armen und Beinen, zwei Seelen, etc., waren. Diese Wesen, die
"Doppelmenschen", frevelten den Göttern. Zur Strafe zerteilten die Götter
diese Wesen in zwei Hälften und verstreuten beide Teile in entgegengesetzten
Gegenden der Welt. So entstand der heutige Mensch. Fortan litt der Mensch an
dieser Trennung und ist auf der Suche nach dem anderen, dem abgetrennten, Teil.
Nun,
vielleicht sind die heutigen Borderliner nur die Überbleibsel der platonschen
Doppelmenschen. Sie scheinen der Strafe durch die Götter entgangen zu sein,
denn ob wir wollen oder nicht,
scheinen sie trotz ihres Spaltungsmechanismus , trotz ihrer Widersprüchlichkeit
und Ambivalenz, trotz ihrer "Störung" oder vielleicht gerade deshalb den
ursprünglichen "Doppelmenschen" nach Platon zu verkörpern.
Um
es gleich vorweg zu nehmen hier ist nicht die multiple Persönlichkeit oder
Schizophrenie gemeint.
Warten
wir ab, ob es stimmt.
Was
Platon hier schildert, entspricht durchaus der Wirklichkeit und würde die
Borderlinepersönlichkeit zum perfekten, idealen Liebenden, bzw. Partner machen.
Sie erinnern sich bestimmt an "die nahtlose Andockung des Borderliners"?
Aber
wieder zurück.
Diese
Philosophie geht also von dem grundsätzlichen Gespaltensein des Menschen in
sich und der Suche nach dem anderen (abgetrennten) Teil als Spiegel für sich
selbst aus. Hier ist nicht die narzisstische Spiegelung, bzw. der andere als
Spiegel des Narzissten gemeint. Gemeint ist der Spiegel seiner eigenen Schatten,
seines Verborgen, und dies erkennen zu können. Sie (die altgriechische
Philosophie) sagt, Liebe ist Erkenntnis und im Umkehrschluß erkennt sich jeder nur
durch die Liebe. Sie sagt aber auch, die Liebe sei ein Köder für die
Erkenntnisfalle und weiterhin, die Liebe ist der Anreiz, die abgespaltenen
Teile, die andere Hälfte in uns, die wir ohne diesen Anreiz nie anschauen würden,
anzuschauen.
So
ist die Liebe wiederum nicht nur
Anreiz, sondern auch Erkenntnisinstrument.
Ein
Organ, Erkenntnisorgan, wie das Auge und muß als solches beschaffen sein wie
das zu Erkennende. Oder wie Goethe sagte: "das Auge als Organ erkennt das
Licht, weil es selbst sonnenhaft ist". Das Auge, die Pupille = der Kern, die
Iris = die Korona, ist so beschaffen, wie die Lichtquelle, die Sonne selbst.
Jetzt
wird es ganz schön kompliziert, oder?
Tja,
das liebe Auge. Wir alle kennen ja die optische Täuschung und die ganzen
Augenkrankheiten.
Kein
Wunder, wenn der klein Prinz sagt: "man sieht nur mit dem Herzen, das
Wesentliche bleibt dem Auge verborgen".
Es
geht also nach Platon im Grunde darum, daß man eine bestimmte Person ist und
der Andere der verlorene, abgetrennte Teil des "Doppelmenschen" ist. Doch
letztlich durch die Einheit, durch den Anderen, bzw. die Liebe in mir finde(n)
(kann), da der abgetrennte Teil schon vorhanden ist, immer vorhanden war.
Da
bekommt die häufig zwischen zwei Liebenden getätigte Aussage "du fehlst
mir" oder "ich kann ohne dich nicht leben", "wir passen (nicht)
zusammen" eine wirklich realistische, und vor allem viel tiefsinnigere,
Bedeutung. Sehr wahrscheinlich waren uns die alten Griechen viel weiter voraus,
als wir bereit sind, in unserer
materialistisch, egozentrisch ausgerichteten westlichen Einstellung, anzunehmen.
In ihrer, der hellinistischen, Philosophie bestehen Eros und Agape nebeneinander
im Verbund. Sie gehen sogar noch weiter, als das sie in Eros, Sohn des Chaos,
nur das die welterzeugende Prinzip sehen, Eros in der Geschlechterliebe mit dem
männlichen Prinzip und Agape mit dem weiblichen Prinzip (wie bereits
beschrieben) besetzen, sondern definieren in der Geschlechterliebe sogar noch
die Momente und nach Aristoteles, eine sehr wichtige Voraussetzung.
Sie
bestimmen den Unterschied zwischen dem Moment der Begierde, den sie als
Epithymia (im lateinischem Libido), bezeichnen und den Moment der Leidenschaft,
den sie als Passio (sie oben passionata love) bezeichnen.
An
dieser Stelle springen wir kurz zurück in den Narzissmus. Sie erinnern sich das
ich sagte der Narzisst besetzt sein Objekt (also in dem Falle Sie) mit der
Libido aus der oralen, analen Phase. Libido (Epithymia) enthält die Begierde,
daß "haben wollen", wird dies versagt, denn in Begierde steckt ja Gier,
greifen die aggressiven Teile der Libido und der Narzißt fällt in die
analsadistische Phase, d.h. er versucht in sadistischer Form auf der analen
Entwicklungsstufe seiner Gier (Begierde) Ausdruck zu verleihen, bzw. seine
Begierde (Gier auf das mit Libido besetzte Objekt) zu befriedigen.
Nun
wieder zurück zu den alten Griechen.
Eine
wichtige Voraussetzung der Liebe ist, nach Aristoteles, die Selbstliebe, als
Philautia bezeichnet. Nicht zu verwechseln mit Philia, welches die
gleichgeschlechtliche Liebe bezeichnet.
Auch
ist mit Selbstliebe nicht der Egoismus oder die Selbstsucht, welche das
Gegenteil bewirken, gemeint.
Jetzt
werden so manche Leser sagen, daß ein gesunder Egoismus doch der Liebe nicht
entgegensteht. Richtig, solange er gesund ist und bleibt. Doch da müssen wir
uns gleichzeitig fragen, was gesunder Egoismus ist und was ihn von der
Selbstsucht unterscheidet.
Egoismus
bezeichnet, wie wir schon sahen, das Gegenteil des Altruismus.
Wir
sprachen bereits darüber, daß für beide in der Liebe ein gesundes Mittelmaß
gefunden werden muß. Wir sprachen aber auch davon, daß der reine bzw. absolute
Altruismus per Definition in der Liebe eigentlich nicht möglich ist.
Das
Gegenteil der Selbstlosigkeit ist die Selbstsucht. Sie ist ein überwertiger
Egoismus. Die Selbstsucht stellt ein Verfallensein im Sinne der Sucht, in der
Liebe die Sucht nach Trieb- und Bedürfnisbefriedigung, Ich-Befriedigung, dar.
Die Selbstsucht besitzt immer Züge der Gier und Brutalität (Kommt Ihnen das
bekannt vor? Richtig aus den Kapiteln " Borderline & Narzißmus"). Der
gesunde Egoismus liegt also zwischen den Polen der Selbstlosigkeit und der
Selbstsucht. Beide, der ungesunde Egoismus und die Selbstsucht machen wirkliche
Liebe unmöglich.
An
dieser Stelle muß ich ein Stück weiter ausholen, da ich weiter hinten das Wort
"Egozentrik" verwende und es leicht zu Verwechslungen kommen kann.
Egozentrisch heißt nicht egoistisch. Egoistisch bezieht sich auf das Handeln,
welches das Ich (Ego) in den Mittelpunkt stellt. Egozentrisch dagegen die
Bedeutung des Selbst. (Der Unterscheid ist im "das
psychodynamische Modell" verdeutlicht.)
Dies
wiederum heißt, daß Egoismus stets auch Egozentrik beinhaltet. Egozentrik
allerdings muß nicht den Egoismus beinhalten. Im Gegenteil, es kann sogar mit
Selbstlosigkeit einhergehen.
Finden
Sie das jetzt verwirrend? Ich helfe ein wenig.
Betrachten
Sie sich die Borderlinepersönlichkeit und fragen Sie sich, ob sie egoistisch
oder egozentrisch ist. Notieren Sie sich die Antwort.
Nun betrachten Sie sich eine narzisstische Persönlichkeit und fragen sich das Gleiche nochmals. Was haben sie festgestellt?
Sie müßten festgestellt haben,
daß eine Borderlinepersönlichkeit egozentrisch und egoistisch nach innen, wie
nach außen ist. Eine narzisstische Persönlichkeit dagegen konstant egoistisch
nach innen und, in der Regel, egozentrisch nach außen ist, denn das ist eine
der Masken des Narzissten. Eine Borderlinepersönlichkeit maskiert sich nicht
bewußt denn sie glaubt, in dem Moment, was sie sagt.
Nächste
Frage an Sie. Findet die Borderlinepersönlichkeit ein gesundes Mittelmaß
zwischen Egoismus und Altruismus, kann sie es überhaupt finden?
Antwort,
nein!
Nun
haben wir uns ein ganzes Stück von Platon entfernt. Lassen Sie uns eine Brücke
zurück und gleichzeitig in die neue Zeit schlagen. Sie erinnern sich, wir
sprachen vorhin vom Spiegel seiner Schatten, von Verborgenem, vom im anderen
finden, vom Doppelmensch und Erkenntnis.
Was hat Platon hier gemeint? Von welcher Erkenntnis spricht er?
Platon
spricht von Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis als Hinwendung des Erkennens, des
Sehens, auf das eigene Ich.
Betrachten
wir uns das Ganze aus der neuen Zeit mit Hilfe der analytischen Psychologie und
befragen dazu Freuds Kronprinzen C. G. Jung, der genauso wie Freud, selbst zu den
Pionieren der Psychoanalytik zählt. Jung verfeinerte den Begriff des Unbewussten.
Das er später eine Palastrevolte anzettelte, weil er nicht (mehr) mit einigen
Freudschen Ansätzen übereinstimmte, soll uns hier nicht weiter stören, obwohl der Leser sicherlich
bereits bemerkt hat das in diese Seiten die Jungschen Theorien genauso einfliesen
wie die Freudschen, Adler, Kernberg, etc.
Jeder
Mensch trägt in sich weibliche, wie auch männliche Anteile, also
gegengeschlechtliche Bilder. Genannt Anima und Animus.
Anima
bezeichnet das weibliche gegengeschlechtliche Seelenbild im Mann und Animus das
männliche gegengeschlechtliche Seelenbild in der Frau.
Im
lateinischen bezeichnet Anima die Seele allgemein und im griechischen bezeichnet
Psyche die Seele.
Anima,
wie Animus, die jeweils gegengeschlechtlichen Seelenbilder setzen sich zusammen
aus Erlebnissen, an gegengeschlechtlichen Personen, aus meist verdrängten
gegengeschlechtlichen Eigenschaften und aus Erfahrungen, welche die gesamte
Menschheit je mit dem anderen Geschlecht gemacht hat, also dem Archetyp von
Anima und Animus.
Das
Archetypische, zur Erinnerung, ist der nicht mehr reduzierbare Teil der, hier im
Unbewußten, gelagerten Bildern (archaischen Bildern). Das Urbild der Struktur,
nach der analytischen Psychologie "die Dominanten des kollektiven Unbewußten"
Die
Archetypbilder enthalten nicht nur Bild, sondern zugleich Emotion.
Stellen
Sie sich einfach vor das Archetypische verhält sich wie ein Kristallgitter und
wird aus dem Effekt bestimmt. Das heißt, das Kristallgitter bestimmt welche
Kristalle überhaupt möglich sind und die Umwelt entscheidet welche dieser Möglichkeiten
verwirklicht werden können.
Da
Jung sich seit seiner Ablösung von Freud sehr im mysthischen Bereich bewegte
und sich der eine oder andere nun fragt wie er Anima und Animus für sich
einordnen kann, möchte ich wieder zu einem Analogismus aus der Tierwelt, dem
Wolf, greifen.
Bevor Sie sich jetzt fragen was das denn nun mit Liebe und Hass zu tun hat, bitte ich Sie sich einen Moment zu gedulden. Es geht jetzt erst einmal um die Auswirkungen der archetypischen Bilder von Anima und Animus auf die Liebe bzw. den Menschen und seine Persönlichkeit.
Wer
kennt von Ihnen nicht das Märchen vom "Rotkäppchen und dem bösen Wolf"
oder das Märchen "von den sieben Geißlein"? Anzunehmen wohl jeder. Es geht
also um den bösen Wolf. Es gibt viele Märchen von einem Wolf, doch in keinem
ist der Wolf ein gutes Wesen. Bevor wir beginnen möchte ich Ihnen zwei Fragen
Stellen.
Frage
1: Stellen sie sich bitte vor, Sie sind in einem verschneiten Wald und vor ihnen
steht, in einiger Entfernung, ein Wolf. Die Leftzen nach oben gezogen, die Zähne
zeigend. Sie haben keine Waffe. Was würden Sie tun? Wie sich fühlen?
Frage
2: Gleiche Situation, nur diesmal haben Sie ein Gewehr. Was würden sie tun? Was
würden sie fühlen?
In
der ersten Situation würden Sie sich wahrscheinlich in die Hose machen, denn
ein Wolf sieht keineswegs aus wie ein Hund (zumindest nicht die Wölfe
Nordamerikas). Starr vor Angst würden Sie glauben er will Sie töten, fressen
denn als Kind hörten sie ja die Geschichten des bösen Wolfes. Nun, vielleicht
würden Sie auch wie ein angestochenes Spanferkel, Hilfe schreiend, durch den
Wald laufen und der Wolf lacht nur.
Im
zweiten Fall würden sie sich groß, stark fühlen. Angst hätten Sie trotzdem,
denn ansonsten würden Sie nicht anlegen und abdrücken. Sie hören, kurz nach
Ihrem Fingerabzug, einen Schrei, dann ein Winseln, ein Winseln welches Ihnen so
tief ins Herz geht, daß Sie alles dafür tun würden dieses Tier wieder zum Leben
erwecken zu können, doch es ist zu spät. Nun schaltet Ihr Gewissen ein und das
sagt " ein Wolf ist böse" das beruhigt und entspricht den Dingen die Sie
gelernt haben.
Nun
kommt die 3. Frage: Warum haben Sie geschossen?
Die
Antwort ist weil Sie Angst hatten. Angst die Ihnen, auch wenn Sie nie die
Geschichte vom "bösen Wolf" oder "Rotkäppchen und den sieben Geißlein" gehört hätten,
implantiert wurde und zwar in Form der archaischen Bilder.
Später
komme ich noch einmal auf diesen Angst zurück und werde Sie mit einer Annahme
konfrontieren.
Nun
zum archaischen Bild (an gegengeschlechtlichen Personen, aus meist verdrängten
gegengeschlechtlichen Eigenschaften und aus Erfahrungen, welche die gesamte
Menschheit je mit dem anderen Geschlecht gemacht hat, also dem Archetyp) von
Animus und Anima in der Form des Analogismus.
Der eine oder andere von Ihnen wird wissen das der Wolf in seinem sozialem Miteinander eines der höchstentwickelten Rudeltiere (auch der Mensch ist ein Rudeltier-, so mancher Mensch könnte sich da eine Scheibe abschneiden) überhaupt ist, welches vorwiegend nachtaktiv ist. Bis vor nicht allzu langer Zeit allerdings, noch ca. vor 1700 Jahren war der Wolf ein rein tagaktives Tier. Mit Beginn und Ausbreitung der christlichen Religion, um genau zu sein der katholischen Kirche, in deren Namen und mit deren Unterstützung grausamste Verfolgungsfeldzüge, nicht nur gegen Menschen, geführt wurden, änderte sich für den Wolf alles. Dem Wolf wurde als Sinnbild für den Teufel (Luzifers rechte Hand, Mephisto, erscheint dem Menschen als Wolf), von höchster auf Erden existierenden "göttlicher" Stelle, dem Papst, die bezahlte, organisierte und völlige Vernichtung angesagt.
Es
ist eine Ironie, daß diese Vernichtungsfeldzug sein Ursprung in einer
Stadt Namens Rom hat, deren Sitz die katholische Kirche ist, und deren Gründer,
Romulus mit seinem Bruder Remus, von einer Wölfin gestillt und aufgezogen
wurden. Es grenzt an Perversion, das gleichzeitig, und das bis zum heutigen Tage,
das Wahrzeichen Roms die stehende Wölfin
mit Romulus und Remus unter ihren Zitzen ist.
Aber
zurück zum, per Dekret abgezeichnetem, Vernichtungsfeldzug gegen den Wolf.
Bis
zu diesem Zeitpunkt war der Wolf am Tag aktiv und hatte nur seine, wenn überhaupt,
natürlichen Feinde. Wo
immer er nun gesehen wurde, wurde er gejagt und abgeschlachtet. Die
Annahme oder viel verbreitete Meinung man hätte ihn gejagt weil er des Bauern
Ziegen und Schafe riß, ist eine von der Kirche selbst ins Leben gerufen Lüge.
Da
der Mensch Nachts Angst hat, denn auch die Nacht stand mit dem Teufel im Bunde,
wurde der Wolf Nachts nicht gejagt. Dem Wolf blieb nichts anderes übrig als sich über
die laufe der Jahrhunderte anzupassen und Nachts auf die Jagd zu gehen. Er wurde
also in der Nacht aktiv.
Da
die Nachtjagd eine unweigerliche
Einschränkung seines Jagderfolges zur Folge hatte, mußte er wohl oder übel
vermehrt auf des Bauers Schafe zurückgreifen.
Je
weiter sich die Kirche ausgebreitete, desto mehr und schonungsloser wurde er
ausgerottet.
Das Wissen darum, daß der Tag Gefahr bedeutet und er gejagt wird, wurde unter den Wölfen, innerhalb des Rudels, von Generation zu Generation weitergegeben bzw. vererbt, denn dies führte letztendlich dazu das sie nur noch Nachts unterwegs waren. Der Wechsel vom Tag zum Nachtaktiven Tier war vollzogen.
Dieses
Wissen ist der Archetypus des Wolfes gegenüber dem Menschen.
Es
sind Die ererbten kollektiven Bilder welche im kollektiven Unterbewusstsein
liegen. Bis ca. Mitte / Ende des 17. Jahrhundert wurde der Wolf in
Europa fast vollständig ausgerottet.
So trägt auch jeder Mensch
archtypische Bilder von Anima und Animus in sich. Diese Archetyp hat einen
enormen Einfluss auf die Persönlichkeit und somit auf das menschliche
Liebesverhalten.
Nun
wird klar, was Platon meinte. Die Liebe versetzt uns in die Lage und gibt uns
den Anreiz Anima und Animus in uns selbst zu erkennen.
Hier
liegt eine weitere Erklärung, warum Sie glaub(t)en, so geliebt zu haben und es
mit Sicherheit auch getan haben. Gerade die Borderlinepersönlichkeit ist in der
Lage, durch ihre nahtlose Andockung als perfekte Leinwand, nicht nur im Sinne
der Projektion, uns Anima oder Animus im gesamten Spektrum zu offenbaren.
Weiterhin ist es ein Grund, warum Sie, als Sie die Borderlinepersönlichkeit
kennenlernten, das Gefühl hatten, diese schon ewig gekannt zu haben, dieses
unerklärliche Gefühl tiefer alter Vertrautheit und heute in der Trennung sich
fühlen, als ob etwas im Innersten stirbt. In der Tat, der Spiegel in Ihrer
versteckten, verdrängten Seelenanteile ist nicht mehr und so versinken diese
wieder in den Tiefen der Seele.
Doch
zurück zu den alten Griechen.
Denn
weiter geht es ja in der Liebe um Heilung. Solange wir gespalten / getrennt
sind, sind wir krank und nur durch die Ganzwerdung können wir Heilung
empfangen.
Nun
geht das hellenistisch- philosophische Weltbild ja von einer Polarität aus
und behauptet, daß das Gegenteil von Liebe Hass ist.
Was
eigentlich auch ganz logisch klingt. Nordpol- Südpol, Plus- Minus, Sonne-
Regen, Tag- Nacht, Gesundheit- Krankheit, Freude- Kummer usw. Jeweils die
absolut gegenseitigen Pole. Doch kein Mensch lebt in der absoluten Polarität.
Betrachten wir uns die Erdkugel, so lebt der Mensch nicht auf dem Südpol oder
Nordpol. Wir leben dazwischen und da ist es nicht nur heiß oder kalt, schwarz
oder weiß, hell oder dunkel und es scheint
nicht nur die Sonne, sondern es regnet auch.
Wenn
wir aber nun die Liebe, der alten Griechen, mit "starkes Gefühl" und Hass
mit "kein Gefühl" übersetzen würden, dann ist die altgriechische Logik
bzw. Philosophie wieder richtig.
Sie
sagt, daß das erste, was die Liebe
nach gewisser Zeit hervorbringt, der Hass ist.
Warum?
Weil er im platonischen Doppelmenschen vorhanden ist. Frage. Können wir lieben,
ohne zu hassen? Im Umkehrschluß können wir hassen, ohne zu lieben? Wohl kaum.
Wenn wir sagen: "ohne geliebt zu haben", dann sind wir wieder bei dem
Getrenntsein von Platon oder bei "enttäuschter Liebe".
So
ist der Hass das Ausgleichsgewicht der Liebe?
Doch
wir wiederum sagen, wenn wir hassen, lieben wir nicht. Ist dem so?
Jetzt
würde der Dualismus in einem Widerspruch kommen, denn er sagt ja, daß Hass das
Gegenteil von Liebe ist. Nach Platon, daß der andere, der abgetrennte Teil von
uns den Hass in sich birgt. Aber das er schon in uns ist, da wir nur durch die
Liebe den abgetrennten Teil in uns, Anima und Animus, erkennen.
Also,
indem ich liebe, hasse ich. Hass ist Teil des Menschsein. Wenn Hass enttäuschte
Liebe ist, ist er immer eine Aufforderung:
"Mach
mich zu deinem Freund, bitte lehne mich nicht ab, verstoße mich nicht".
Ist
Hass nun doch das Gegenteil von Liebe? Denn wenn Liebe Erkenntnis, dann ist Hass
Verblendung. "Blind vor Wut und Hass".
Ganz
schön kompliziert, die Philosophie der Liebe, zumal Liebe ja auch blind machen
soll.
Versuchen
wir kurz in der westlichen Religion die Antwort zu finden. So ist auch in dieser
Religion die Liebe das Göttliche und das Göttliche die Erkenntnis. Hass
wiederum ist des Teufels Blendwerk. Liebe ist eine Gottesgabe und Hass eine
Teufelssünde. Denn der Teufel kann nicht lieben und der allmächtige, alles
vergebende Gott nicht hassen.
Und
nun, haben wir die Antwort?
Sie
sehen, in einer linearen Denk- und Betrachtungsweise können wir diese Frage
nicht lösen. Es bleibt uns also nur die holistische Betrachtungsweise, wie in
dem Rätsel: "was ist vorne, wenn es gleichzeitig hinten ist"?
Hass
ist genau so viel oder genau so wenig das Gegenteil
von Liebe, wie der Teufel das Gegenteil von Gott ist. Und einmal ganz
spartanisch gefragt. Für was wird Gott benötigt, wenn es keinen Teufel gäbe?
Gefühle
sind die Bewertung einer Situation. Die Liebe ist ein starkes, positives Gefühl.
Das heißt, die Situation wird positiv bewertet. Liebe dringt somit nicht auf
Veränderung der Situation. Auch Hass ist ein starkes Gefühl, nur mit einem
negativen Vorzeichen. Das heißt, die Situation wird negativ bewertet. Hass
dringt demnach auf Veränderung der Situation, des Zustandes und ist als Folge
zielgerichtet, nicht übertragbar. Das Gegenteil von viel Gefühl ist kein Gefühl,
also Gleichgültigkeit. Insofern ist das Gegenteil von Liebe nicht der Hass,
weil er ein negatives Vorzeichen hat, sondern
die Gleichgültigkeit. Das heißt aber auch, daß sie, die Gleichgültigkeit,
das Gegenteil von Hass ist. Hass ist ein Bewertungsgrad, der Bewertungsgrad der
Verletzung bzw. der Verletzungen.
Was
macht aber nun den Hass so hässlich?
Nun,
zum Ersten hat man uns beigebracht das der Hass etwas Böses ist, zum Zweiten hassen
ja nicht wir, sondern der Andere (der wiedergefundene, abgetrennte Teil).
Wir
schieben ihn somit der anderen Person zu, die wir "lieben". Und in
Beziehungen hat er überhaupt nichts zu suchen, da er ja etwas Böses, weil
"Gegenteil" von Liebe, ist.
Wir
akzeptieren ihn nicht als Teil von uns, als Teil des Menschen. Und weil nicht
sein kann, was nicht sein darf, sind wir ganz schnell mit der Schuldzuweisung:
"Ich hasse dich" "Warum?" "weil du angefangen hast damit (mit deinem
Hass)".
Nicht
der Hass ist also hässlich, sondern seine Ausdrucksformen, deren es ja
bekanntlich verschiedene gibt.
Wie
nah allerdings Hass und Liebe beieinander liegen, sehen wir nicht nur am
Beispiel einer Borderline-Beziehung, in der ja der Hass Grundlage die für neue
Vereinigung und Symbiose ist.
Zwei
Menschen trennen sich und in ihren Herzen tragen sie Hass. Sie treffen sich
wieder und jeder der beiden hat das Ziel, seinen Hass über den anderen zu ergießen.
Was passiert? Sie schauen sich in die Augen, der Puls rast, die Knie zittern und
stellen fest: "verdammt, ich hasse dich, weil ich dich liebe".
Kurze
Zeit später finden sie sich in den Daunen des nächsten Hotelzimmers wieder.
Warum passieren solche Dinge?
Zum
Einen, weil Hass die Aufforderung
zur Wiedervereinigung enthält, eine Zustandsänderung wünscht und weil Hass
und Liebe ganz tief, in den letzten Winkeln der Seele auf einer Linie liegen,
die geschlossen ist.
Sie
erinnern sich an das Rätsel: "Was ist vorne, wenn es zugleich hinten ist?"
Es
ist der Kreis.
Wenn
wir in der Liebe, im Eros, wie in der Agape (ausgenommen die christliche Liebe)
das Maß der "Wiedervereinigung", der "Ganzwerdung" sehen, so können
wir den Hass als Maß (Bewertung) des "Getrenntseins", vom wiedergefundenen
Teil, dem anderen, verstehen. Jetzt verstehen wir auch, ich hatte es am Anfang
des Kapitels erwähnt, daß wir nicht hassen können, ohne
geliebt zu haben, b.z.w. geliebt worden sein. Auch verstehen wir jetzt,
daß die Liebe sehr wohl, im Gegensatz zum Hass, übertragbar ist. Liebe steht
in Wechselbeziehung, Hass dagegen nicht. Der Hass richtet sich immer wieder
gegen die Person, welche die "Wiedervereinigung" aufhob oder sie zunichte
macht.
Anders
im pathologischen Hass, der an dieser Stelle nicht Thema ist, wie z.B. in der
"narzisstischen Perversion", in der sich der Hass auch gegen Ersatzobjekte
richten kann. Doch letztlich sind es dort nicht Ersatzobjekte des Hasses,
sondern der "enttäuschten, versagten" Liebe. Durch die obige Ausführung können
wir auch den Hass des Borderliners verstehen. Durch die Symbiose, die
Verschmelzung mit Ideal, erfährt er eine Art
Urzustand und genau dieser wird ihm immer wieder durch Sie genommen.
Bedenken Sie, er ist ja emotional das kleine Kind, welches nur in der Symbiose
überleben kann. Versuchen Sie sich bitte mal in die Situation
hineinzuversetzen, an die Stelle der Borderlinepersönlichkeit.
Ihr
Partner nimmt Ihnen die Symbiose, hebt die "Wiedervereinigung" auf. Es sei
jetzt einmal egal, wie und ob es stimmt. Sie sehen es so. Das Sie es als
Liebesentzug sehen, versteht sich von selbst. Nun ist es aber für Sie nicht nur
einfach Liebesentzug, sondern der Entzug von etwas eszentiellen, wichtigen
Lebensnotwendigen. Ergo empfinden Sie Hass. Diese Gefühl ist so stark, da es
mit Todesangst besetzt ist, daß Sie zu sterben drohen. Und in der Tat, ein Teil
ist ja weg, durch die Aufhebung der Symbiose. Gegen wen richtet sich Ihr Hass?
Richtig, gegen den, der die Symbiose aufhob, den Partner. Gleichzeitig fliegt
Ihnen gerade Ihr "ICH" um die Ohren, ansonsten hätten sie ja nicht das Gefühl
zu sterben. Sie müssen es also schützen. Wie, wenn Ihnen nur primitive
Abwehrmechanismen zur Verfügung stehen?
Natürlich,
Sie haben nur zwei Möglichkeiten.
Zu spalten oder zu erdulden in Form des Masochismus. Nehmen wir an, Sie spalten, dann haben Sie zwar das "ICH" geschützt, aber noch nicht die Situation dahingehend verändert, daß Sie wieder zu einer erneuten Symbiose gelangen. Das hätten Sie über den Masochismus erreichen können. Nun haben Sie gespalten und damit erst einmal den Weg selbst verbaut. Solange also keine neue Symbiose stattfindet, müssen Sie die Spaltung aufrechterhalten. Da Hass kein Gefühl ist, welches kontinuierlich auf "high Level" gehalten werden kann, das geht schon rein biochemisch nicht, müssen Sie nachtriggern. Dabei hilft Ihnen Ihre Phantasie und die Projektion. Das Gefühl, der Hass, bleibt somit wellenartig. So, jetzt stehen Sie erst einmal ganz schön im Regen.
"ICH"
geschützt über Spaltung, neue Symbiose (Überleben) nicht vorhanden oder in
Aussicht und Hass in der Seele. Der
Hass, den Sie verspüren, können Sie aber nicht voll ausleben, denn Ihr altes/
neues Symbioseobjekt darf nicht, noch nicht, ganz vernichtet
werden. Ein Dilemma.
Was
tun? Das kommt darauf an, ob jetzt ein Lanzelot vorbeigeritten kommt. Nehmen wir
an, Lanzelot hat gerade Mittagspause, dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig
als die Spaltung, im Moment einer Talwelle des Hasses, wieder zu kippen.
Sie
wollen ja leben und nicht sterben. Wobei Sterben nicht einmal im Ansatz die
Dimension Ihrer Gefühle ausdrückt. Es ist eher ein Auflösen, ein nicht mehr
existent sein und doch das Wissen, weiterleben zu müssen. Und genau das haben
Sie zu oft erlebt.
Da
es aber in der Spaltung nur "Gott" oder "Teufel" gibt, müssen Sie den
Partner wieder zum Gott erklären. Anders kann die Weiche der Spaltung auch
nicht umgelegt werden, denn der "Teufel" benötigt eine äquivalente
Gegenbesetzungsenergie. Die Symbiose ist wieder hergestellt.
Angenommen,
Lanzelot kommt in diesem Moment vorbei, dann hat er Pech gehabt. Zweimal
Symbiose geht nicht.
Nehmen
wir aber an, Lanzelot hatte vorhin keine Mittagspause und kam, wie kann es
anders sein, in glänzender Rüstung, auf seinem Schimmel vorbeigeritten, dann dürfen
Sie natürlich mit ihm die neue Symbiose, zumal er Sie ja vor dem "Teufel"
rettet, eingehen. Ein weiterer Vorteil ist, daß Sie jetzt Ihren Hass, der
ohnehin zielgerichtet ist, voll
gegenüber Ihrem Ex- Partner ausleben dürfen und ist Lanzelot ein guter Narzisst,
dann unterstützt er Sie auch dabei.
Bleiben
wir noch kurz bei dem Hass, den Sie empfinden. Dieser ist ja nicht nur der Hass
aus der jetzigen Versagung, sondern vermengt sich mit Ihrem Urhass. Das ist der
Hass auf Ihre Mutter aus der damaligen Versagung und wird genährt durch Ihr
fehlendes Urvertrauen. Wir hatten im Kapitel "Spaltung" festgestellt, daß
die Energien durch die Spaltung auf jeder Seite vorkommen, da sie nicht abgebaut
oder kompensiert werden, vorhanden bleiben. Insofern ist dieser Urhass im Moment
der Spaltung vollends präsent. Zwischen beiden wird nur hin und her geschaltet.
Rechter Speicher ist der Hass und der ist randvoll. Randvoll, weil jede
Versagung, jede Aufhebung einer Symbiose, die Sie bis dato erlebt haben, dort
hineinfließt, aber nicht abgebaut wird. Insofern ist zu verstehen, daß ein
kleiner Schubs ausreicht, um das Ding überschwappen zu lassen. Er darf dann,
sofern Lanzelot schon da ist oder
zumindest am Horizont zu sehen ist, auf dem Ex- Partner entleert werden, was
einer Katharsis (Reinigung) gleichkommt. Auf einige Ausdrucksformen des Hasses
der Borderlinepersönlichkeit oder der narzisstischen
Persönlichkeit, gehe ich
näher in anderen Kapiteln ein.
Hass ist also kein Bedürfnis sondern über die Handlung Ausdruck eines Bedürfnisses, nämlich die Aufhebung eines Mangelzustandes, des Mangels an Liebe, bzw. die Aufhebung des (Mangel) Zustandes fehlender, enttäuschter, versagter Liebe.
Jeder Mangelzustand, egal welcher, verlangt nach Beseitigung, insofern nach Befriedigung. Hass ist somit nicht Motiv der Handlung sondern Folge und Ausdruck. Motiv der Handlung ist der Mangelzustand.
Clarinda,
eine Borderlinepersönlichkeit, schreibt 11 Tage, nachdem ihr Partner ihr die
Symbiose versagt, folgende Zeilen an jemanden, der zu diesem Zeitpunkt keine
Mittagspause hatte, dem sie auch noch nie von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand:
"Du, mein Retter, mein Lanzelot, bei dir weiß ich, kann ich mich fallen
lassen. Endlich bin ich angekommen, in meiner endlosen Suche. Mit dir will ich
eins werden. Mit dir will ich verschmelzen. Nie wieder sterben, nie wieder
Qualen. Ich freue mich so sehr."
Wenn
sie jetzt glauben, diese Zeilen sind aus der Luft gegriffen oder anhand des
vorangegangenen Textes entstanden, muß ich Sie enttäuschen. Umgekehrt, die
Zeilen sind Tatsache, so real, wie Sie und ich.
Würde
man diese Zeilen ohne die Borderlineproblematik betrachten oder ohne etwas darüber
zu wissen, könnte man sagen: "Wow, wie romantisch, sie ist ja richtig
verliebt, was hat sie wohl durchgemacht?" etc. Und welches Herz, welches Ego wäre
da nicht geschmeichelt? Clarinda hat hier, ohne sich dessen bewußt zu sein,
ohne es zu wissen, ihr gesamtes Krankheitsbild dargelegt. Alles ist vorhanden.
Die Suche, der Retter, den Urzustand wollen, die Symbiose, die ständigen Qualen
einer Borderlinepersönlichkeit, das innere Sterben bei Lösen der Symbiose, die
Unfähigkeit zur Trauer, aber auch: "ich werde dich hassen, wenn ich
sterbe".
Bleiben
wir noch kurz beim Sterben (Hass) und spannen den Bogen zurück zu Platon, zu
Eros, als die welterzeugendes Prinzip. Freud besetzte Eros mit dem Lebenstrieb
und Thanatos (Hass, Tod) mit dem Todestrieb. Er ersetzte damit seinen ursprünglichen
Dualismus von ICH- Trieben und ES- Trieben. Das soll uns aber jetzt nicht stören.
Wie
die Worte es sagen, zielt Eros auf die Erhaltung und Thanatos auf die
Vernichtung des Lebens ab. Thanatos tritt in Form der Aggression und
Destruktion, als Hass, Trennung, Abstoßung, Vernichtung in Erscheinung und
richtet sich in der Regel auf den
Anderen. Er kann sich aber auch gegen die eigene Person, in Form des
Selbsthasses, Selbstvernichtung richten.
An
dieser Stelle sehen wir wieder die Qualität des Borderlinehasses, der sich
sowohl gegen den Partner, z. Bsp. in seiner sublimsten Form- der Abwertung, richtet
oder sich auch gegen ihn selbst, in Form der Selbstverletzung, richtet.
Zwischen
den beiden, dem Lebenstrieb und Todestrieb, besteht eine Fusion (Verschmelzung).
Einer der beiden besitzt aber immer die Dominanz.
Das
heißt, besitzt der Lebenstrieb die Dominanz, sind ihm aggressive Komponenten
beigemischt und zwar einmal in Form von ICH- Trieben, also der Selbsterhaltung,
der Kampf ums Dasein und einmal in
Form des Objekttriebes, also Sexualtriebes, für die Eroberung und die
Verteidigung des Liebesobjektes.
Dominiert
allerdings der Todestrieb, überwiegen die aggressiven Komponenten des
Lebenstriebes in Form von ICH- Trieben und zwar als Selbstvernichtungstendenz
und Masochismus oder als Tendenz zur Vernichtung des mit Libido besetzten Objektes und als Sadismus.
In
der ersten Form ist das ÜBER- ICH zu stark und gestattet nicht den freien Lauf
der Aggressionen. In der zweiten Form ist die Frustration, durch Versagung,
gegenüber dem mit Libido besetzten Objektes zu groß.
Auch
hier sehen wir wieder die Qualität des Lebens- bzw. Todestriebes der
Borderlinepersönlichkeit. Die Dominanz beider wechselt ohne für einen Außenstehenden,
nicht einmal für die Borderlinepersönlichkeit selber, vorhersagbar. Und in der
Dominanz des Todestriebes wechselt die Borderlinepersönlichkeit nochmals,
unvorhersehbar.
Hier
liegt ein weiterer Teil der Erklärung der Hass - Liebe des Borderliners. Die
unabdingbare Verschränkung beider, des Lebenstriebes und des Todestriebes, der
Liebe und des Hasses, die für ihn nur durch die Spaltung aufgehoben werden kann
und nur als "entweder- oder" jeweils an den Grenzen des Kontinuum existiert.
Die
narzisstische Persönlichkeit, versagt ihr das mit Libido besetzte Objekt die
Liebe, d.h. die Spiegelung, fällt zurück in die anal- sadistische Stufe und
somit auf die letzte Form des Todestriebes.
Einige
Psychoanalytiker gehen nicht ganz mit dem Todestrieb von Freud, bezogen auf die
Schlachtfelder, konform.
Was haben Freud und Jung hier gemacht?
Einfach
gesagt, nichts anderes als, auf die Liebe bezogen, das platonische
(hellenistische) Bild psychoanalytisch übersetzt und verfeinert.
Der
Leser kann sich für das Eine oder Andere entscheiden, das Ergebnis bleibt das
Selbige.
Das
Fazit: "Nur wer sich selbst liebt, damit ist nicht Egozentrik, ungesunder
Egoismus oder Selbstsucht gemeint, kann auch andere lieben."
Die
fernöstliche Religion des Buddhismus sagt dazu ganz einfach:
"Wird
dir die Fähigkeit genommen oder nimmst du dir die Fähigkeit Liebe zu geben,
dann kannst du auch keine Liebe empfangen".
Bliebe,
bevor wir fast am Ende sind, noch einmal die Frage, können nun Borderlinepersönlichkeiten oder narzisstische Persönlichkeiten lieben?
Die
Antwort ist eigentlich schon im ganzen Kapitel geliefert worden. Sie haben
gesehen, sie läßt sich nicht so einfach beantworten. Sie haben gesehen, die
Liebe ist nicht nur ein Gefühl, bzw. können wir die Liebe nicht einfach nur
mit einem Gefühl oder mit einer Mixtur solcher gleichsetzen.
Fühlen
können beide, das steht außer Zweifel. Gerade die Borderlinepersönlichkeit
ist in der Lage, Gefühlsebenen zu erreichen, die einem "Nicht-Borderliner", ohne
einer Droge, immer verschlossen bleiben, Gefühlsdimensionen zu erleben, die ein
"Nicht-Borderliner" nicht verstehen würde, allein weil es dafür keine
Beschreibung gibt.
Es
ist schon sehr schwer, die Pseudoliebe von Eros zu unterscheiden. Noch dazu,
weil die Borderlinepersönlichkeit in der Lage ist, in Momenten der
Idealisierung, gewisse Formen des Altruismus als Selbstlosigkeit zu zeigen. Sie,
die Borderlinepersönlichkeit, kracht mit den Elementen Epithymia (Libido) und
Passio auf den anderen, auf das Ich des anderen, das jede Abwehr, jeder
Abwehrversuch schon im Keime ersticken wird.
Stellen
wir uns einfach die Frage, bezogen auf das obige Zitat. "Liebt sich eine
Borderlinepersönlichkeit im Sinne der Selbstliebe, also mit gesundem Egoismus,
ohne Egozentrik und ohne Selbstsucht?"
Die
Antwort wissen Sie bereits und lautet NEIN.
Sie
sehen aber auch, daß die Frage, ob ein Borderliner oder
Narzisst lieben kann,
falsch gestellt ist.
In
ihrer psychischen Welt können beide sehr wohl lieben. Die Frage muß somit
lauten: "Können Borderliner oder Narzissten in unserem Verständnis, in
unserer psychischen Welt, lieben?"
Wenn
wir einmal alles andere außen vor lassen und die neurotische Liebe und die
Pseudoliebe als Liebe akzeptieren, müßten wir sagen- Ja. Sehen wir aber die
Liebe, als das was sie wirklich ist, müssen wir sagen- Nein.
Springen wir zum Abschluß kurz zurück zu unserem psychodynamischen Modell.
Wir wissen bereits, daß das ES nach dem Lustprinzip, das ICH nach dem Realitätsprinzip
und das ÜBER- ICH nach dem Moralitätsprinzip, welches unbedingte Erfüllung
vom ICH fordert, arbeitet. Was natürlich
den Wenigsten gelingt.
Bezogen
auf Liebe und Hass, bedeutet das nun, dass in der Liebe, den Triebimpulsen des ES
in Übereinstimmung mit dem ICH und dem ÜBER- ICH nachgegeben werden kann,
wohingegen im Hass beide, ICH und ÜBER- ICH, im Normalfall, dagegen sprechen.
Warum
sage ich das?
Weil
die ICH- Erfüllung gegenüber dem ÜBER- ICH die Annäherung des Selbst an das
Ideal- ICH/ Ideal- SELBST bedeutet.
Das
wiederum bedeutet eine Verkürzung der ICH-Diskrepanz im Sinne der
Selbstverwirklichung, eine starke
Integration des Selbst in das ICH. Je geringer die ICH- Diskrepanz, bzw. je stärker
die SELBST- Integration, desto weniger ist ein Mensch in der Lage zu hassen.
Nachsatz:
In der Liebe fühlen wir uns unsterblich. Unsterblich durch ein Geschenk des anderen an uns.
In der Tat liegt in der Liebe die scheinbare Erfüllung des uralten, ewigen Wunsches und der damit verbundenen Suche nach Unsterblichkeit. Sie reicht zurück bis in eine Zeit in der die Menschen (noch) in friedvoller Einigkeit mit den Drachen lebten und diese den Menschen vor bösen Mächten beschützten.
Der Überlieferung nach, durfte ein Drache, denn er war durch sein reines Herz unsterblich, nur einem in der Seele reinen und tot geweihtem Menschen die Hälfte seines Herzens geben und ihn dadurch, vor dem Tode rettend, unsterblich machen. Nur dann bekam der Drache seinen Platz im Himmel unter den anderen Sternen.
Geschah es denn das ein Drache bereit war dies für einen Menschen zu tun, öffnete er seinen Brustpanzer, zerteilte sein Herz in zwei Hälften und gab den abgetrennten Teil dem tot geweihten mit den Worten "Ich schenke dir mein Herz, durch mein Herz wirst du gerettet und durch meine Schwäche wirst du geleutert" Der dem Tod geweihte, jetzt unsterbliche Mensch öffnete die Augen und sah von nun an die Welt mit anderen Augen.
Sie fragen sich wo die Drachen denn heute sind?
Nun sie sind tot, vernichtet, ausgestorben. Durch wen und warum?
Durch den den die Drachen beschützten, den Menschen. In seiner Gier nach Macht täuschte der Mensch den Drachen und so kam es das ein Drache einem nicht in der Seele reinen Menschen die Hälfte seine Herzens gab.
Ab diesem Zeitpunkt ward es den Drachen verboten ihre Herzen zu teilen und so konnte kein Drache mehr seinen Platz unter den Sternen einnehmen. Doch wenn Sie, frei von Gier und Macht, des Nachts ganz genau in den Himmel schauen, werden Sie Sie die alten Drachen sehen die noch immer über die Menschen mit reinen Seelen wachen.
Ein Märchen? ein Analogismus? Die Wahrheit? Das zu entscheiden überlasse ich dem Leser.
© "Team der Borderlinezone" 2005-2007